Hüftbein KNM-ER 3228
Man nehme einen Anatomen, einen Bildhauer, einen Paläoanthropologen, einen Make-up-Spezialisten, einen Gerichtsanthropologen, einen Maler und einen technischen Zeichner und fasse sie alle in einer Person zusammen. Dann statte man diese Person mit einer lebhaften Fantasie aus und füge noch eine glühende Leidenschaft für die Schaffung genauer Abbilder menschlicher Gesichter aus der Vergangenheit hinzu. Nun nehme man mehrere solcher Personen, dann hat man das Autorenteam aus Künstlern und Wissenschaftlern des American Museum of Natural History in New York, so die Selbstdarstellung der Autoren Gary J. Sawyer und Viktor Deak. Dazu kommt der Textautor Esteban Sarmiento, der "unseren ausgestorbenen Verwandten neues Leben eingehaucht hat, indem er dramatische, aber wissenschaftlich untermauerte und mit Informationen vollgepackte Geschichten erzählt", so der Paläoanthropologe Ian Tattersall vom dortigen Museum im Vorwort.
Nach diesen Einschätzungen könnte man den Eindruck gewinnen, das Buch sei eine fantastische Reise durch die Menschheitsgeschichte, und man möchte es am liebsten an einem Abend durchlesen. Dem ist zum Glück nicht so. Vielmehr sind die Geschichten und die perfekten Lebensbilder nur eine Seite des Bands. Die andere sind die fossilen Zeugnisse unserer Ahnen selbst und das, was sie uns über die Entwicklung zum Menschen während der letzten sieben Millionen Jahre sagen.
Nach Lektüre dieses Buchs hat man nicht nur ein fundiertes Bild vom Aussehen unserer Vorfahren, sondern kennt auch die wesentlichen anatomischen Kennzeichen ihres Schädels und ihrer Zähne, weiß um ihre Ernährung, hat genauere Vorstellungen von wichtigen Regionen des Skeletts und dem, was man daraus für ihre Funktion erschließen kann. War der aufrechte Gang der Vormenschen schon so wie der unsere, oder bestanden noch wesentliche Unterschiede? Man lernt die Fundstätten der Arten und ihr Verbreitungsgebiet kennen und wird mit einer großen Zahl von Fundnummern der einzelnen Fossilien behelligt. Wer kannte vorher schon das etwa 1,95 Millionen Jahre alte Hüftbein KNM-ER 3228 vom Turkanasee in Kenia oder das vollständige Gebiss OH65 und den Unterschenkelknochen OH35 aus der tansanischen Olduvai-Schlucht?
Natürlich muss man sich die vielen Nummern nicht alle merken; aber sie machen deutlich, über welche Fülle von Material aus der menschlichen Entwicklungslinie wir heute verfügen. Nur ein winziger Bruchteil, die wichtigsten Stücke, wird im Buch genannt. Die immer noch weit verbreitete Annahme, es gebe nur wenige fossile Zeugnisse der Menschwerdung, hat nichts mit der Realität zu tun. Vielmehr haben langjährige Feldforschungen in vielen Regionen der Welt – besonders während der letzten 40 Jahre – so viel Material zu Tage gefördert, dass selbst ein Spezialist es in seinem Leben kaum vollständig in Augenschein nehmen könnte. Die spannend erzählten Geschichten und die realistischen Rekonstruktionen des Buchs beruhen auf einer sehr breiten Fossilbasis (siehe auch meinen Beitrag in Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2007 "Raumschiff Erde", S. 44).
Der Stammbaum des Menschen ist so immer fundierter, aber auch immer differenzierter geworden. Jeder neue Fund muss vor dem Hintergrund dieses komplexen Gerüsts gesehen und eingeordnet werden. Viele der bekannten Arten sind durch Hunderte von Funden seit Langem etabliert. Bei anderen, die erst in den 1990er Jahren oder noch später entdeckt wurden, fahndet man mit großem Einsatz nach weiteren Überresten. Das gilt besonders für die Formen, die im Kapitel über "Die ältesten afrikanischen Hominiden" dargestellt werden und deren genaue Beziehungen zu den zeitlich nachfolgenden Vormenschenarten, den Australopithecinen, noch weiterer Klärung bedürfen.
Die Identifikation und Abgrenzung von Arten anhand fossiler Überreste ist schwierig, da man oft nicht sicher sein kann, ob bestimmte anatomische Unterschiede die innerartliche Variabilität widerspiegeln oder aber als Kennzeichen verschiedener Arten zu werten sind. Häufig steht kein Mittel zur Verfügung, diese Frage zu entscheiden, so dass Raum für einander widersprechende Auffassungen bleibt.
Ein gutes Beispiel ist die Art Homo erectus. Hier sehen viele Forscher keine taxonomisch relevanten Unterschiede zwischen den afrikanischen und den asiatischen Vertretern und betrachten sie daher als zu einer Art gehörig. Andere sehen gewisse anatomische Unterschiede und halten eine Trennung in zwei Arten, einen afrikanischen Homo ergaster und einen asiatischen Homo erectus, für sinnvoll. Wieder andere, zu denen offensichtlich auch die Autoren zählen, teilen noch stärker und unterscheiden gleich drei Arten innerhalb des indonesischen Homo erectus. Neue Ansätze und Untersuchungen können zu einem klareren Bild führen. So finden sich in den letzen Jahren, gestützt auch durch neue Funde, vermehrt Indizien dafür, dass Homo ergaster doch besser als frühe Form des Homo erectus angesehen werden sollte. Die Autoren widmen dem Problem der Klassifikation jeweils einen eigenen Abschnitt, in dem sie natürlich auch ihre eigene – nicht immer mehrheitsfähige – Interpretation vortragen.
Insgesamt ist das Buch eine gelungene und in dieser Form wohl einmalige Mischung aus spannenden Einblicken in das Leben unserer Ahnen und einem verständlich aufbereiteten Überblick über die Faktenlage der menschlichen Evolution. Es dürfte für jeden von Gewinn sein, der wissen will, welche Schlüsse aus den heute vorhandenen Fossilfunden gezogen werden können. Da sich im Text allerdings kaum Quellenangaben finden und offensichtlich nur sehr wenige Abbildungen von Fossilfunden zur Struktur des Bands passten, wird derjenige, der es genau wissen will, weiter recherchieren müssen.
Nach diesen Einschätzungen könnte man den Eindruck gewinnen, das Buch sei eine fantastische Reise durch die Menschheitsgeschichte, und man möchte es am liebsten an einem Abend durchlesen. Dem ist zum Glück nicht so. Vielmehr sind die Geschichten und die perfekten Lebensbilder nur eine Seite des Bands. Die andere sind die fossilen Zeugnisse unserer Ahnen selbst und das, was sie uns über die Entwicklung zum Menschen während der letzten sieben Millionen Jahre sagen.
Nach Lektüre dieses Buchs hat man nicht nur ein fundiertes Bild vom Aussehen unserer Vorfahren, sondern kennt auch die wesentlichen anatomischen Kennzeichen ihres Schädels und ihrer Zähne, weiß um ihre Ernährung, hat genauere Vorstellungen von wichtigen Regionen des Skeletts und dem, was man daraus für ihre Funktion erschließen kann. War der aufrechte Gang der Vormenschen schon so wie der unsere, oder bestanden noch wesentliche Unterschiede? Man lernt die Fundstätten der Arten und ihr Verbreitungsgebiet kennen und wird mit einer großen Zahl von Fundnummern der einzelnen Fossilien behelligt. Wer kannte vorher schon das etwa 1,95 Millionen Jahre alte Hüftbein KNM-ER 3228 vom Turkanasee in Kenia oder das vollständige Gebiss OH65 und den Unterschenkelknochen OH35 aus der tansanischen Olduvai-Schlucht?
Natürlich muss man sich die vielen Nummern nicht alle merken; aber sie machen deutlich, über welche Fülle von Material aus der menschlichen Entwicklungslinie wir heute verfügen. Nur ein winziger Bruchteil, die wichtigsten Stücke, wird im Buch genannt. Die immer noch weit verbreitete Annahme, es gebe nur wenige fossile Zeugnisse der Menschwerdung, hat nichts mit der Realität zu tun. Vielmehr haben langjährige Feldforschungen in vielen Regionen der Welt – besonders während der letzten 40 Jahre – so viel Material zu Tage gefördert, dass selbst ein Spezialist es in seinem Leben kaum vollständig in Augenschein nehmen könnte. Die spannend erzählten Geschichten und die realistischen Rekonstruktionen des Buchs beruhen auf einer sehr breiten Fossilbasis (siehe auch meinen Beitrag in Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2007 "Raumschiff Erde", S. 44).
Der Stammbaum des Menschen ist so immer fundierter, aber auch immer differenzierter geworden. Jeder neue Fund muss vor dem Hintergrund dieses komplexen Gerüsts gesehen und eingeordnet werden. Viele der bekannten Arten sind durch Hunderte von Funden seit Langem etabliert. Bei anderen, die erst in den 1990er Jahren oder noch später entdeckt wurden, fahndet man mit großem Einsatz nach weiteren Überresten. Das gilt besonders für die Formen, die im Kapitel über "Die ältesten afrikanischen Hominiden" dargestellt werden und deren genaue Beziehungen zu den zeitlich nachfolgenden Vormenschenarten, den Australopithecinen, noch weiterer Klärung bedürfen.
Die Identifikation und Abgrenzung von Arten anhand fossiler Überreste ist schwierig, da man oft nicht sicher sein kann, ob bestimmte anatomische Unterschiede die innerartliche Variabilität widerspiegeln oder aber als Kennzeichen verschiedener Arten zu werten sind. Häufig steht kein Mittel zur Verfügung, diese Frage zu entscheiden, so dass Raum für einander widersprechende Auffassungen bleibt.
Ein gutes Beispiel ist die Art Homo erectus. Hier sehen viele Forscher keine taxonomisch relevanten Unterschiede zwischen den afrikanischen und den asiatischen Vertretern und betrachten sie daher als zu einer Art gehörig. Andere sehen gewisse anatomische Unterschiede und halten eine Trennung in zwei Arten, einen afrikanischen Homo ergaster und einen asiatischen Homo erectus, für sinnvoll. Wieder andere, zu denen offensichtlich auch die Autoren zählen, teilen noch stärker und unterscheiden gleich drei Arten innerhalb des indonesischen Homo erectus. Neue Ansätze und Untersuchungen können zu einem klareren Bild führen. So finden sich in den letzen Jahren, gestützt auch durch neue Funde, vermehrt Indizien dafür, dass Homo ergaster doch besser als frühe Form des Homo erectus angesehen werden sollte. Die Autoren widmen dem Problem der Klassifikation jeweils einen eigenen Abschnitt, in dem sie natürlich auch ihre eigene – nicht immer mehrheitsfähige – Interpretation vortragen.
Insgesamt ist das Buch eine gelungene und in dieser Form wohl einmalige Mischung aus spannenden Einblicken in das Leben unserer Ahnen und einem verständlich aufbereiteten Überblick über die Faktenlage der menschlichen Evolution. Es dürfte für jeden von Gewinn sein, der wissen will, welche Schlüsse aus den heute vorhandenen Fossilfunden gezogen werden können. Da sich im Text allerdings kaum Quellenangaben finden und offensichtlich nur sehr wenige Abbildungen von Fossilfunden zur Struktur des Bands passten, wird derjenige, der es genau wissen will, weiter recherchieren müssen.
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