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Hat Wahnsinn einen Sinn?

Der Sinn des Wahnsinns – bereits das Lesen des Titels lässt aufhorchen. Zweifelsohne ein nettes Wortspiel, das neugierig macht – aber kann man das so einfach schreiben? Wissen wir überhaupt, was Sinn und Wahnsinn sind? Unzählige Philosophen haben sich seit Jahrtausenden über dieses schwierige Thema den Kopf zerbrochen und sind bisher zu keinem einheitlichen Ergebnis gekommen. Und falls dennoch das nahezu Unmögliche gelingen sollte, stellt sich sogleich die nächste Frage: Kann Wahnsinn denn überhaupt einen Sinn haben? Ja, behauptet der Autor – ohne genau zu klären, was er unter "Sinn" und "Wahnsinn" versteht.

Wahnsinn klingt abwertend: ein Schlag gegen psychisch Erkrankte und deren Angehörige, denen das Buch sicherlich keine große Hilfe bietet. Eigentlich schade, denn es ist in gut verständlicher Sprache geschrieben. Betroffene zu unterstützen und praktische Tipps zu geben, ist aber offenbar nicht die Intention des Autors. Gleich in der Einleitung schreibt er: "Ich hoffe, Ihnen bereitet die Lektüre Vergnügen."

Das wirkt zynisch, wenn man das Leid der Betroffenen wirklich kennt. Aber so nah an die Realität geht der Autor nicht heran. Er schwebt in seinem Luftschloss über den Wolken und erklärt schwere psychische Störungen wie Schizophrenie, Depression oder Angststörungen, indem er hochinteressante Fallbeispiele herausgreift, die Thesen verschiedener Philosophen oder Psychiater kurz und lebendig beschreibt oder das amerikanische Klassifikationssystem zur Hilfe nimmt.

Es stellt sich die Frage, an wen sich das Buch wendet. Da Spezialisten die Inhalte bekannt sein dürften, müssen Laien seine Zielgruppe sein. Das ist teilweise gefährlich, da das Buch die alten Vorurteile nicht immer aus dem Weg räumt. Besonders argwöhnisch betrachtet werden die Eltern: "Nach einem sehr einflussreichen psychodynamischen Depressionsmodell kann ein Mensch im Laufe seines Lebens eine Depression entwickeln, wenn er als Säugling und Kleinkind eine unsichere Bindung (...) zu wichtigen Bezugspersonen (Mutter, Vater) hatte." Daraus könnte man eine bedenkliche Schlussfolgerung ziehen: Eltern leiden zwar unendlich unter ihrem schwerkranken depressiven Kind, aber man braucht den Eltern kein Mitleid zu schenken – schließlich sind sie selbst schuld an ihrer Misere. Ihr Kind wurde depressiv, weil sie ihm kein Gefühl von Sicherheit gaben.

Erfreulich, dass Neel Burton die Eltern im Falle der Schizophrenie nicht ins Spiel bringt. Warum das so ist, bleibt allerdings unklar. Schließlich gibt es diesbezüglich etliche Theorien. Aber es ist so wie im gesamten Buch: Ohne erkennbaren Grund wählt Burton einzelne interessante Aspekte eines hochkomplexen Krankheitsbildes aus und beschreibt lebendig und unterhaltsam. Im Fall der Schizophrenie hält sich der Autor besonders lange bei der Kreativität auf. "Einige sehr kreative Menschen waren oder sind schizophren." Und weiter schreibt Burton: "Viele hochkreative Menschen sind zwar nicht selbst von Schizophrenie betroffen, haben aber enge Verwandte, bei denen das der Fall ist oder war." Damit erhalten Angehörige den Trost, den sie so dringend brauchen. Nun wissen sie, dass sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als andere kreativ sind und Albert Einstein ein ähnliches Schicksal wie sie hatte – sein Sohn litt an Schizophrenie. Ob sie dieses Wissen allerdings genügend stärkt, um für einen Schwerstkranken ein ganzes Leben lang zu sorgen, darf bezweifelt werden.

Bedenklich auch, dass Burton der Antipsychiatrie-Bewegung so viel Aufmerksamkeit widmet: "Nach Szaz ist die 'Schizophrenie' nichts weiter als ein praktisches Etikett für jene Art des Denkens und Verhaltens, die in der Gesellschaft als inakzeptabel empfunden wird." Burton erwähnt Berichte über psychiatrische Kliniken in der Sowjetunion, in denen zu Beginn der 1970er Jahre bei Gesunden eine Schizophrenie diagnostiziert worden sei und sie mit Antipsychotika ruhiggestellt wurden. Diese Kliniken mag es (auch in anderen Ländern dieser Welt) gegeben haben. Sich und andere aber immer wieder daran zu erinnern, schafft im Jetzt eine gefährliche Situation: Psychisch Kranke erhalten nicht die medikamentöse Therapie, die sie so dringend benötigen. Immerhin mussten an einer akuten schizophrenen Psychose Erkrankte früher durchschnittlich drei Jahre im Krankenhaus verbringen. Heute sind es aufgrund der modernen Neuroleptikatherapie im Durchschnitt nur noch drei Monate. Dies ist sehr wichtig für den Patienten: Je länger eine akute Psychose anhält, desto höher ist die Gefahr einer nicht mehr zu behebenden geistigen Behinderung.

Im letzten Teil des Buches geht es um den Suizid. Nimmt ein Depressiver die Welt realistischer wahr als ein Gesunder, weil er sich der Sinnlosigkeit des Lebens bewusst ist? Nach Auffassung von Burton hat Leben offenbar keinen Sinn; jeder muss sich seinen eigenen Sinn suchen. Wie kann dann Wahnsinn einen Sinn haben, wenn nicht einmal das Leben an sich einen besitzt? Das Buch ist voller Widersprüche – bis zuletzt.

Fazit: Neel Burton greift interessante Aspekte bedeutender psychischer Störungen heraus und beschreibt sie anschaulich und spannend – angeblich mit dem Ziel, dem "Wahnsinn" einen "Sinn" zu geben. Problematisch ist jedoch, wie einseitig die Betrachtungsweise ist. Das Buch scheint hauptsächlich einen "Sinn" zu haben: den Leser zu unterhalten. Ist sich Burton dieser Unzulänglichkeit bewusst? Pardoxerweise fordert er in seinem Nachwort: "Es ist jedoch wichtig, dass psychische Störungen weder romantisiert noch verharmlost werden oder unbehandelt bleiben."

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