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Der Mann, dessen Karten die Welt veränderten

Heute ist die Navigation längst keine Kunst mehr, sondern alltägliches Handwerkszeug im Schiffs- und Flugverkehr. Selbst der mit dem Auto durch die Welt fahrende oder durch Wälder, Fluren und Berge wandernde Mensch hat zumeist wenig Mühe, eine Karte zu lesen. Dass auf einer solchen die Erde flächen-, winkel- und längengetreu abgebildet wird, ist – und das wissen die wenigsten – keine Errungenschaft moderner Forschung, sondern eine "Erfindung" von Gerhard Mercator.

Vielleicht liegt dessen geringer Bekanntheitsgrad auch daran, dass er im 16. Jahrhundert lebte. Dabei zählten gerade die Jahrzehnte zwischen 1490 und 1590 zu den einschneidendsten in der Menschheitsgeschichte: Kolumbus landete auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien im bis dato unbekannten Amerika, Abenteurer wie Amerigo Vespucci, Vasco da Gama, Giovanni Caboto oder Hernan Cortéz beflügelten mit ihren Berichten von der Neuen Welt die Fantasie der Menschen, und Martin Luther löste mit der Veröffentlichung seiner Thesen die Reformation aus. Die Bauernkriege erschütterten die Ständegesellschaft des Mittelalters, und Magellan umrundete erstmals die Erde – kurzum, das 16. Jahrhundert war eine Phase des Umbruchs und der Beginn der so genannten Neuzeit.

So wundert es nicht, dass gerade in dieser Zeit ein Mann mit bahnbrechenden Erkenntnissen die Wissenschaft revolutionierte und die moderne Kartografie begründete: Gerhard Kremer, geboren am 5. März 1512 in Rupelmonde (Ostflandern) als Sohn eines verarmten Schusters aus Flandern, studierte im niederländischen Löwen zunächst Philosophie und Theologie. In jenen Tagen folgte der 18-Jährige auch einem unter Gelehrten verbreiteten Usus: Er übernahm die lateinische Form von "Kr(a)emer" und nannte sich fortan "Mercator".

Mercators wahres Interesse galt der Geografie und Mathematik, zudem lernte er Kupferstechen und Instrumentenmacherei, das Handwerkszeug des Globenbauers und Kartografen. Schon mit 23 wirkte er an einem Projekt des Globenbauers Van der Heyden mit, der für Kaiser Karl V. einen Globus erstellen sollte. Seine erste eigene Karte über das "Heilige Land" publizierte Mercator 1637, doch wegweisend war eine neue Europakarte, mit der er 1554 erstmals das Ptolemäische Weltbild korrigierte. Sie sollte zum Maßstab für die Kartografie bis weit ins 18. Jahrhundert hinein werden.

Der Kartograf war auch in die Wirren seiner Zeit verstrickt, wurde der "Lutherei" im erzkatholischen Löwen beschuldigt und drei Monate eingesperrt. Deshalb suchte er mit seiner Familie Zuflucht im liberalen und protestantischen Duisburg und arbeitete dort als "Kosmograf" des Herzogs von Kleve, gleichzeitig gefördert durch Kaiser Karl V.

1569 erschien Mercators Hauptwerk: eine Karte, die buchstäblich Maßstäbe setzte, die so genannte Mercator-Projektion. Erstmals gelang ihm eine gleichzeitig flächen-, winkel- und längengetreue Abbildung der Erde – zuvor nur auf Globen möglich – mit einem Netz von Längen- und Breitengraden, das es Seefahrern nach einem vereinfachten Berechnungssystem erlaubte, den gewünschten Kurs zu halten. Und noch ein weiterer Meilenstein ist Mercator zu verdanken: Zusammen mit seinen drei Söhnen fertigte er eine Kartensammlung von Großbritannien, Niederlanden, Italien und Griechenland und benutzte für diese Kartensammlung erstmals den Namen "Atlas". Mercator starb hochbetagt am 2. Dezember 1594 in Duisburg.

Ein packendes Leben, das zu erzählen sich lohnt. Das dachte sich wohl auch der britische Autor Nicholas Crane. Und Crane ist für diesen ungewöhnlichen Mann genau der richtige Biograf, selbst nicht nur Reiseschriftsteller, sondern zugleich Geograf und leidenschaftlicher Kartensammler. Ihm gelang es vorzüglich, sich in Mercator hineinversetzen und damit auch seinen Leser ins 16. Jahrhundert zu befördern. Cranes Buch über den "Weltbeschreiber" Mercator – eine gelungene Übersetzung des englischen Titels – ist weit mehr als eine Biografie, es ist Ideengeschichte und Zeitpanorama in einem und zudem fesselnd erzählt.

Crane schildert das Leben Mercators, dessen Karten die Welt veränderten, strikt chronologisch in 31 Kapiteln – ein etwas schlichtes Vorgehen –, von seiner Geburt bis zum Tod. Dennoch handelt es sich um keinen langweiligen Bericht, sondern eher um einen spannenden Wissenschaftsroman, der sich durch Detailbesessenheit auszeichnet. Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Anmerkungsteil, eine gut ausgewählte Bibliografie, eine kurze Chronologie wichtigster Werke Mercators und ein knappes Register.

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