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Der Lebensweg des Fernrohrs

Die einäugigen Riesen der griechischen Götterwelt stehen als Synonym für das astronomische Fernrohr: Zyklopen der Technik. Das Buch ist journalistisch unterhaltsam geschrieben, kann aber fachlich nicht ganz überzeugen. Verfasser ist der ehemalige Leiter der Berliner Archenhold- Volkssternwarte, der bereits zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher zur Astronomie geschrieben hat.

Nach einem Gang durch die antike Mythologie wird über die Himmelsforschung vor der Erfindung des Fernrohrs berichtet und die Weltbilder von der Antike bis in die frühe Neuzeit geschildert. Trotz der Deutungshoheit der Kirche stammten erste Zweifler und Erneuerer aus ihren Reihen: Nikolaus Kopernikus, Giordano Bruno, Nikolaus von Kues. Es folgen die technischen Voraussetzungen für das Fernrohr: Glasherstellung, Brillenmacherei und ihr Aufschwung durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks.

Erst auf Seite 61 beginnt die eigentliche Geschichte des Fernrohrs mit Hans Lipperheys dokumentiertem Patentantrag vom Oktober 1608. Galileos Eigenbau, seine wichtigen Beobachtungen und die Blitzaktion der Veröffentlichung im "Sternenboten" werden kurzweilig berichtet. Verdienstvoll ist die Schilderung der Arbeiten Johannes Keplers, der, ebenfalls im Jahre 1609, in seiner "Neuen Astronomie" die ersten beiden nach ihm benannten Gesetze formulierte. Beide Männer brachten das alte Weltbild zum Einsturz.

Der Gang des Buchs durch die folgenden drei Jahrhunderte schildert wichtige Meilensteine bei der parallelen Entwicklung von Linsen- und Spiegelfernrohren. Angereichert sind diese Kapitel durch bekannte historische Anekdoten, wie die vom missglückten Geheimhaltungsversuch der achromatischen Objektive. Frühe Höhepunkte, so die großen Metallspiegel von Herschel und Rosse und die hervorragenden Linsenfernrohre von Fraunhofer werden erklärt, ebenso wie einige mit ihnen gemachte Entdeckungen. Einen Höhepunkt erreichte die Entwicklung mit dem 2,5-Meter-Hooker-Glasspiegel im Jahre 1917. Mit ihm wurde die Milchstraße zu einer Galaxie unter vielen, und Hubble entdeckte die Galaxienflucht. Insgesamt ist die Bebilderung des Buchs sparsam.

Es folgen ab Seite 197 Vorstellungen von Teleskopen für das Unsichtbare: Radio-, Infrarot- und Röntgenstrahlung, dazu Empfänger für kosmische Strahlung, Neutrinos und Gravitationswellen. Schließlich wird über "Neue Konzepte und die großen Rätsel der Astronomie" berichtet: von den großen europäischen Teleskopen in Chile bis zur Suche nach Dunkler Materie, Dunkler Energie und den "Extraterranern".

In diesen letzten Kapiteln erfüllt das Buch nicht mehr den Anspruch, verlässlich über Fernrohre zu berichten. Die großen Rätsel enden nach ihrer Vorstellung lediglich mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von neuen "maßgeschneiderten " oder "noch ausgefeilteren" Beobachtungsinstrumenten. Dabei wäre es doch interessant, hier etwas Allgemeinverständliches zum wissenschaftlichen Konzept dieser neuen Teleskope zu erfahren, die weltweit vorbereitet werden.

Weniger gründlich geht es auch an anderen Stellen zu: Mit dem New Technology Telescope (NTT) wurde die aktive Optik eingeführt, nicht die andersartige adaptive Optik. Beim Very Large Telescope Interferometer (VLTI) kommt es zur Erzielung höchster räumlicher Auflösung auf große Basislängen (bis zu 130 Meter beim VLT), zwischen den Teleskopen an, was gar nicht erwähnt wird, und erst in zweiter Linie auf die Sammelfläche.

Verwirrend für den nicht vorgebildeten Leser sind auch zahlreiche Fehler bei der kosmischen Strahlung, so erreichen uns Teilchen mit Energien von "…bis zu 1020 Elektronenvolt…", gemeint ist wohl 1020 Elektronvolt. Mal heißt es "Tscherenkow- Strahlung, mal "Cerenkov", gemeint ist immer der gleiche Effekt, der nicht erklärt wird. Der Physiker Hans Wolter hat niemals Röntgenteleskope entwickelt, sondern wollte um das Jahr 1950 ein Röntgenmikroskop bauen. Viel später wurden in den USA Wolters optische Ideen aufgegriffen und ein erstes abbildendes Teleskop gebaut. Die Liste dieser Mängel ist länger. SuW-Leser sind üblicherweise eine umfassendere und genauere Unterrichtung gewohnt.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier leider mit der "heißen Nadel" gearbeitet wurde. Möglicherweise sollte das Buch zum Beginn des Internationalen Jahres der Astronomie als Erstes auf den Markt kommen, was wohl gelungen ist. Die Durchsicht des Manuskripts durch einen Fachmann hätte nur wenig mehr Zeit gekostet, aber viele Unklarheiten ausgeräumt und vielleicht auch Anregung zu etwas mehr physikalischem Tiefgang und der Konzentration auf das Kernanliegen, die Geschichte des Fernrohrs, gegeben.

Das Buch hat kein Stichwortverzeichnis. Das macht das gezielte Auffinden interessierender Punkte schwierig, zumal die vorangestellte Inhaltsübersicht eine Reihe wenig sachbezogener Kapitelüberschriften auflistet: »Wasser hat keine Balken«, »Lernen auf dem Rummelplatz« usw. Es gibt zwar ein Personenregister mit etwa 200 Namen, aber keine Seitenzahlen dazu! Auf den Randspalten werden schlicht ganze Sätze aus dem nebenstehenden Text im Kleindruck wiederholt. Das ist überflüssig, interessanter wären hier ergänzende Informationen oder Bilder oder nur Stichworte gewesen.

Erfreulich ist der geringe Preis des dicken Taschenbuchs. Man kann es jetzt für einen Überblick kaufen und sich dann später nochmal eine hoffentlich deutlich verbesserte Neuauflage leisten.
  • Quellen
Sterne und Weltraum 05/2009

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