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Burnout - Eine Volkskrankheit?

Wer kennt dieses Wort nicht? In irgendeinem Zusammenhang – ob als Lehrer, Sozialpädagoge oder mittlerweile auch im Bereich des Leistungssports – hat man diesen Begriff schon vernommen. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Was bedeutet es an Burnout erkrankt zu sein? Wie erkenne ich die Anzeichen des Burnouts? Warum trifft es die einen und andere nicht? Wie kann man diese doch so undefinierbare Krankheit behandeln?

Diesen und vielen anderen Fragen widmen sich Andreas Hillert und Michael Marwitz in ihrem aktuellen Buch "Die Burnout Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus?" In 13 Kapiteln oder Beobachtungsweisen, wie es die Autoren formulieren, die wie eine Expedition in eine unbekannte Dimension erscheinen, geht der Leser auf Entdeckungsreise und erfährt aus erster Hand alles Wichtige zum Thema "Burnout".

Nicht nur Praxisbeispiele (Kapitel 1) und die psychologischen (Kapitel 5) sowie medizinischen (Kapitel 6) Betrachtungsweisen stehen in diesem Buch im Vordergrund. Nein, vielmehr widmen sich die Autoren auch dem historischen Aspekt (Kapitel 7 und 8), dem Einfluss chronischer Müdigkeit sowie der multiplen Sensitivitäten auf Umweltschadstoffe (Kapitel 10). Schließlich versuchen die Autoren in Kapitel 11 verschiedene Behandlungsstrategien darzulegen, sowie prophylaktische Maßnahmen, die von Unternehmen oder Unternehmensgruppen gezielt umgesetzt werden könnten beziehungsweise. sollten.

Burnout macht keinen Halt vor bestimmten Berufsgruppen oder dem Alter der Betroffenen. Es kann jeden treffen, so wie es der Entdecker Herbert Freudenberger schon in seinen frühen Veröffentlichungen in den 1980er Jahren richtig erkannt hat. Die sehr gelungene Einbindung der Biographie Freudenberger und das Zusammenfügen von neuesten Erkenntnissen über Burnout, ist den Autoren an dieser Stelle besonders gelungen.

Wichtige Strategien zur Verhinderung oder zur Verringerung und Behandlung von Burnout werden von Hillert und Marwitz genannt, wobei die Selbstreflexion eines aufgeschlossenen Individuums an erster Stelle steht. Denn nicht erst seit heute ist bekannt, dass Stressfaktoren, sowohl alltägliche als auch berufliche, die objektiv und subjektiv wahrgenommen werden, zu Burnout führen. Dabei stellen sie vor allem die Frage, ob Burnout die psychosomatische Nebenwirkung der postmodernen Arbeitwelt ist (Kapitel 9). Denn Umfragen haben ergeben, dass in den letzten Jahren die psychischen Erkrankungen, wie Depression und Angststörungen dramatisch zugenommen haben. Diese Zahlen sind nicht nur national zu sehen, sondern auch in unseren europäischen Nachbarländern zu beklagen.

Auch die Autoren machen klar, dass die derzeitigen Veränderungen in der Arbeitswelt ein wesentlicher Grund dafür sind, dass Burnout derzeit Karriere macht. Aber das gilt nicht nur für Burnout, sondern auch für andere zeitgemäße Krankheiten, wie beispielsweise Schleudertrauma, die Umwelt, die krank macht, oder das so genannte chronische Müdigkeitssyndrom. Hier beschreiben die Autoren eingehend, wie sich Menschen fühlen, die unter diesen Symptomen leiden ("…es gibt Betroffene, die zwanzig Stunden und mehr am Tag im Bett liegen…"). Unter dieser chronischen Erschöpfung leiden etwa 0,2 bis 0,5 Prozent aller Erwachsenen. Angesichts dieser Tatsachen, stellen die Autoren die Frage: "Das chronische Müdigkeitssyndrom – eines der größten Armutszeugnisse der modernen Medizin?"

Schließlich wird im 11. Kapitel auf die entscheidende Frage eingegangen, wie Burnout behandelt werden kann. Neben der Behandlung auf individueller und systemischer Ebene, schlagen die Autoren auch Behandlungs- und Präventionsansätze für Arbeitsplatzsituationen wie für gesellschaftlich-soziale Rahmenbedingungen (Kapitel 12) vor.

Für Behandlungs- und Präventionsansätze, die direkt an die Person ansetzen, schlagen sie das dreifache "E" vor: Entlastung (Reduzierung oder sogar Ausschalten der Stressoren), Erholung (die Akkus wieder aufladen, sich entspannen, Sport treiben und so weiter) und Ernüchterung (exzessiven Perfektionismus und/oder Idealismus von illusionärem Charakter herunterschrauben und lernen, sich abzugrenzen). Auch kurz- und langfristige Behandlungsstrategien zur Stressbewältigung werden von den Autoren ausführlich dargestellt. Ganz klar sagen sie aber auch, dass bezogen auf Arbeitsplatzbedingungen, die Notwendigkeit betrieblicher Anti-Stress-Präventionen heute größer ist denn je.

Mit einer tollen Zusammenfassung am Ende des Buches, in dem uns die Autoren Hillert und Marwitz die Zutaten für ultimative Anti-Burnout-Rezepte nicht vorenthalten, geht die Entdeckungsreise durch ein packend geschriebenes Sachbuch zu Ende. Empfehlen kann ich dieses Buch all denen, die schon immer einen grundlegenden geschichtlichen wie aktuellen Überblick zur Thematik des Burnout lesen wollten.
02.08.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.08.2006

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