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Feindliche Brüder im Geiste

Den Ruhm gilt es zu nutzen. Schließlich ist das Doppeljubiläum, das Charles Darwin 2009 feiert -1859 erschien "Die Entstehung der Arten" des 1809 geborenen Naturforschers –, eine gute Gelegenheit, die streitbaren Themen Evolutionstheorie und Darwinismus aufs Tapet zu bringen. Auch Sean Carroll und Joachim Bauer wollten sich diese Chance nicht entgehen lassen.

In der Tat präsentieren sich die beiden Bücher auf den ersten Blick auffallend ähnlich. So heißt es im Klappentext der "Darwin-DNA" von Sean Carroll: "Nachdem das Genom des Menschen und vieler Tiere vollständig entschlüsselt ist, bekommt man durch einen Vergleich völlig neuartige Einblicke in den Prozess der Evolution." Auf dem Buchrücken des "kooperativen Gens" von Joachim Bauer lesen wir dagegen: "Nachdem das Erbgut des Menschen und anderer Spezies vollständig entschlüsselt werden konnte, vollzieht sich in der Biologie eine Revolution des Denkens."

Wer hier von wem abgeschrieben hat, sei dahingestellt – die Untertitel der beiden Werke scheinen jedoch konträrer kaum denkbar: Während Carroll uns erklären möchte, "wie die neueste Forschung die Evolutionstheorie bestätigt", nimmt Bauer "Abschied vom Darwinismus". Aber keine Sorge, Joachim Bauer, seines Zeichens Medizinprofessor am Uniklinikum Freiburg, gibt sich keineswegs als hoffnungsloser Kreationist, der Charles Darwin in Bausch und Bogen verdammen will. Aber ein wenig Provokation kann ja nicht schaden.

Doch zunächst zu Sean Carroll. Der amerikanische Molekularbiologe und Genetiker von der University of Wisconsin lässt gar keine Zweifel aufkommen: Er ist überzeugter "Darwinist" – soweit man ein wissenschaftliches Gedankengebäude mit dem unschönen Etikett "Ismus" zieren möchte. Leicht verständlich und durch viele Abbildungen gut veranschaulicht präsentiert seine "Darwin-DNA" die zahlreichen Belege aus der Genetik, welche die Evolution der Organismen auf immer wieder überraschende Art und Weise demonstrieren. So beschreibt der Autor, auf welch verschlungenen Pfaden die Vorfahren des Menschen das Farbensehen erwarben. Wie leider häufig zu lesen, tituliert hierbei Carroll (oder sein deutscher Übersetzer) acht Prozent der männlichen Bevölkerung mit einer leicht verschobenen Farbwahrnehmung fälschlicherweise als "farbenblind". Derartige Schnitzer trüben aber die Lesefreude des spannend geschriebenen Werks kaum.

Carroll geht es allerdings um mehr. Am Beispiel der Irrwege des sowjetischen Genetikers Trofim Denissowitsch Lyssenko, der die Rolle der DNA als Erbträger ablehnte und dafür eine Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften favorisierte, zeigt der Autor die bitteren Folgen von Dogmatismus: Bis weit in die 1960er Jahre blieb die Genetik der UdSSR vom Rest der wissenschaftliche Welt isoliert. Carroll zielt natürlich auf den Kreationismus mitsamt seiner Spielart des "Intelligent Design", der jegliche biologische Evolution leugnet und vor allem in den USA sein Unwesen treibt. Bei den meisten deutschen Lesern dürfte Carrolls Philippika offene Türen einrennen – auch wenn eine kreationistisch eingestellte Lehrerin schon Karriere als hessische Kultusministerin gemacht hat.

Ebenfalls engagiert, wenn auch deutlich schwieriger zu lesen, gibt sich Joachim Bauers "kooperatives Gen". Seine Argumentation bleibt allerdings diffus. Warum etwa die Endosymbiontentheorie, nach der Zellorganellen als Zusammenschluss bakterienähnlicher Vorfahren entstanden sind, "in keiner Weise zu den Dogmen des Darwinismus" passt, lässt Bauer offen. Und dass sie "in den Texten darwinistischer Autoren nicht erwähnt" wird, ist schlicht Unsinn.

Der Untergang der Dinosaurier durch einen Meteoriteneinschlag soll ebenfalls im Widerspruch zum Darwinismus stehen. Dass Charles Darwin selbst von dieser inzwischen nachgewiesenen Katastrophe vor 65 Millionen Jahren nichts wusste, dürfte ein schwaches Argument sein. Und natürlich ahnte Darwin auch nichts von springenden Genen, die sich – wie Bauer eindrücklich schildert – als wichtiges Werkzeug der Evolution herausgestellt haben. Darwin kannte noch nicht einmal den Begriff "Gen", was man dem Schöpfer der Evolutionstheorie schwerlich zum Vorwurf machen kann.

Von Charles Darwin will sich Bauer auch gar nicht verabschieden, sondern von Richard Dawkins. Dessen Konzept des "egoistischen Gens" betrachtet Organismen schlicht als Vehikel von Erbfaktoren, die danach streben, sich zu verbreiten. Das mag überspitzt sein, macht jedoch viele Mechanismen der Evolution verständlich. Für Bauer scheint Dawkins allerdings der Inbegriff des Bösen zu sein, und so drischt er fleißig auf ihn ein.

Vielleicht neidet Bauer seinem britischen Forscherkollegen dessen Erfolge als Buchautor. Doch vermutlich soll der reißerisch verkündete "Abschied vom Darwinismus" lediglich den Verkauf des "kooperativen Gens" mit einer scheinbar provokanten These fördern. Denn letztendlich sind sich die beiden Streithähne einig. Sean Carroll dürfte zumindest Joachim Bauers Worten, mit denen er sein letztes Kapitel eröffnet, uneingeschränkt zustimmen: "Darwins zentrale Erkenntnis, dass alles Leben aus einer evolutionären Entwicklung hervorgegangen und durch einen gemeinsamen Stammbaum verbunden ist, ist unumstößlich."

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