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Digitaler Sonnenschein

In einem sich schnell entwickelnden Gebiet ist "Die digitale Dunkelkammer" eine wertvolle Momentaufnahme, die auf reichhaltigen Erfahrungen der professionellen Fotografen Bettina und Uwe Steinmüller beruht.
Warum sprechen die Autoren der "Digitalen Dunkelkammer" eigentlich so viel vom "Workflow"? Erst im Verlauf der Lektüre wird das allmählich klar: Uwe und Bettina Steinmüller sind professionelle Fotografen. Sie drücken ungezählte Male auf die Auslöser ihrer zahlreichen Digitalkameras, und von der rohen Datei bis zum druckbaren Bild sind zahlreiche Verarbeitungsschritte zu durchlaufen – nicht vollautomatisch, man will ja gestaltend eingreifen, aber doch nach einem gewissen Schema, das durchgehalten werden will. Das muss flutschen bei der Massenverarbeitung und irgendwie passt dafür das Wort "Workflow" besser als "Arbeitsablauf". Ansonsten ist das englische Original der deutschen Autoren, die in Kalifornien leben und mit Vorliebe die bizarren Sandsteinformationen aus den Wüsten von Arizona und Nevada ablichten, sehr ansprechend ins Deutsche übersetzt worden.

"Think big": Nehmen Sie den schnellsten Rechner, die dickste Festplatte und den größten Monitor, den Sie sich leisten können, dann fließt die Arbeit am schönsten. Diese Empfehlung wird ein Amateur wie ich sich nicht ganz wörtlich zu Herzen nehmen – auch wenn mein Urlaubsbilder-Workflow noch gewisse Optimierungsreserven hat. Aber ansonsten kann man von den Profis eine ganze Menge lernen.

Der "König der Bildverarbeitungsprogramme" ist Adobe Photoshop; also erzählen uns die Steinmüllers, welche unter den unübersehbar vielen Funktionen von Photoshop man zweckmäßig nutzen sollte und wie man das am geschicktesten tut. Zahlreiche weitere Programme, die sie ebenfalls besprechen, sind Zusätze ("plug-ins") zu Photoshop oder verwenden zumindest dessen Dateiformate.

Die Autoren empfehlen, die Vorverarbeitung, die üblicherweise bereits in der Kamera stattfindet, in die eigenen Hände zu nehmen, also nach Möglichkeit mit den ursprünglichen Messwerten der lichtempfindlichen Zellen (der raw-Datei) zu arbeiten. Dann wollen Helligkeit und Kontrast eingestellt werden, aber bitte nicht mit der Funktion "Helligkeit/Kontrast" von Photoshop (die ich bislang bevorzuge), sondern mit Gradationskurven oder, besser noch, mit der Funktion "Lichter/Tiefen", die in der neuesten Version (Photoshop CS) dazugekommen ist. Ein mehrfach besprochenes Thema ist der Weißabgleich (auch sonst findet man viele Dinge mehrfach, teilweise wortgleich, an verschiedenen Stellen im Buch): Was weiß ist, soll am Ende weiß aussehen, auch wenn es "in Wirklichkeit" wegen der Lichtverhältnisse gar kein weißes Licht in die Kamera geschickt hat. Die Autoren diskutieren ausführlich, welche Verfälschungen verschiedene Lichtquellen verursachen und wie man sie korrigiert.

Erstaunt hat mich, dass man ein digitales Bild nachschärfen kann und in der Regel sogar muss. Dieser Prozess ähnelt im Prinzip dem, was auch im menschlichen Auge und im Sehzentrum des Gehirns stattfindet: Ein heller Punkt in unmittelbarer Nachbarschaft eines dunklen wird noch ein bisschen heller gemacht und umgekehrt, sodass lokale Kontraste verstärkt werden. In den Einzelheiten ist das Schärfen durchaus heikel, denn es erfindet in der Tendenz Information hinzu, die in den Ursprungsdaten gar nicht enthalten ist. Das kann auch in die Irre gehen, was man durch geschickte Algorithmen abzuwenden versucht. Wie im menschlichen Sehsystem muss in diese Algorithmen implizit Information über "die Welt" oder zumindest über zweidimensionale Bilder der Welt eingehen, etwa von der Art, dass eine durchgehende Kante plausibler ist als eine durchlöcherte. Die Autoren haben ein eigenes Schärfungsprogramm namens EasyS entwickelt.

Aber warum muss man überhaupt nachschärfen? Linsenfehler und mangelnde Schärfentiefe können Ursachen sein, aber anscheinend liegt die wichtigste in der Funktionsweise der Kamera selbst: Wie in der Netzhaut des Auges ist jede einzelne Zelle in dem CCD, dem lichtempfindlichen Feld, das in der Digitalkamera an die Stelle des Films tritt, nur für eine der drei Farben, rot, grün und blau empfindlich: In einem 2x2-Quadratchen liegen zwei grüne Zellen, eine rote und eine blaue, die Überzahl an grünen deshalb, weil auch das menschliche Auge für Grüntöne eine erhöhte Empfindlichkeit hat. Damit eine dünne rote Linie nicht unsichtbar wird, weil sie zufällig an allen roten Zellen vorbeiläuft, wird sie künstlich verbreitert, indem das ganze Bild ein bisschen unscharf gemacht wird. Diese Unschärfe gilt es wegzurechnen, denn am Ende soll eine Datei aus lauter Pixeln stehen, deren jedes alle drei Farbinformationen enthält.

Richtig interessant wird es bei der Bildbearbeitung zu künstlerischen Zwecken: wenn das Gesicht im Vordergrund etwas eindrucksvoller, der Sandsteinfelsen etwas röter, die ganze Szene etwas sonniger, der Sturm im Hintergrund etwas dramatischer werden soll. Da gibt es einiges herumzuprobieren, was besonders gut mit dem Ebenenkonzept gelingt: Photoshop repräsentiert jeden Verarbeitungsschritt durch eine "Ebene". Lauter Ebenen liegen über dem Ursprungsbild; jedes Pixel einer Ebene sagt, wie stark der zur Ebene gehörige Verarbeitungsschritt auf das entsprechende Pixel des Bildes wirken soll; übereinander liegende Ebenen wirken nacheinander auf das Ursprungsbild, und an jeder Ebene kann man unabhängig von den anderen noch manipulieren.

In einem sich schnell entwickelten Gebiet ist dieses Buch eine wertvolle, auf reichhaltigen Erfahrungen beruhende Momentaufnahme. Die Autoren versprechen, Neuigkeiten, die zweifellos kommen werden, auf ihrer englischsprachigen Website www.outbackphoto.com anzusagen.

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