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Das Unvorstellbare wird vorstellbar

Vor einiger Zeit hielt ich im Rahmen der Erwachsenenbildung eine Vorlesungsreihe über Physik. Dabei offenbarte sich ein Problem: Es gab einfach keine empfehlenswerte Literatur, um den Stoff zu vertiefen. Dank Josef Honerkamp, emeritierter Professor für Theoretische Physik der Universität Freiburg, ist diese Lücke nun geschlossen. Sein Buch "Die Entdeckung des Unvorstellbaren" ist für Laien der ideale Einstieg in ein faszinierendes Gebiet der Naturwissenschaft, das von Galileis und Newtons Mechanik über Maxwell, Boltzmann, Einstein, Planck und Bohr bis zur modernen Quantenfeldtheorie reicht.

Bewusst wählt der Autor die historische Darstellungsform. Anders lässt sich der erstaunliche Fortschritt bei der Suche nach den physikalischen Gesetzen unserer Welt auch kaum begreifen. Wohltuend ist dabei der Verzicht auf höhere Mathematik – eine Herausforderung für jeden theoretischen Physiker, der sich als Autor eines allgemein verständlichen Werks versucht. Es ist in der Tat viel einfacher Hψ = Eψ an die Tafel zu schreiben, als den Inhalt dieser Formel – der Schrödinger-Gleichung – einem Laien zu erklären. Den hier dargebotenen profunden Einblick in die Geschichte der modernen Physik mit ihren Personen, Orten und Methoden findet man im "klassischen deutschen Lehrbuch" meist vergebens. Nur so kann man aber (etwa als Student) die Dinge wirklich einordnen und verstehen.

Die einzelnen Kapitel des Buchs spiegeln die kanonischen Folge der physikalischen Gebiete, wie man sie von der Universität kennt, wider: Klassische Mechanik, Elektrodynamik, Thermodynamik, Relativitäts- und Quantentheorie. Mit klaren Formulierungen werden sowohl deren Inhalt vorgestellt als auch – und dies ist ein wichtiger Punkt – die untereinander bestehenden Zusammenhänge erläutert. Viele schwierige Themen wie die Maxwellschen Gleichungen, die Emergenz, das Zwillingsparadoxon oder Schrödingers Katze werden elegant bewältigt.

Honerkamp gelingt der Spagat zwischen dem klaren aber für Laien nicht nachvollziehbaren Formalismus und der eigentlichen physikalischen Aussage. Letztere war insbesondere Einstein immer ein besonderes Anliegen. Leider ist die Theoretische Physik gerade in einer gefährlichen Phase, diesen bewährten Boden zu verlassen, um der Technokratie zu huldigen (das Paradebeispiel ist die "Stringtheorie").

Fazit: Es ist ein angenehm lesbares Buch entstanden, das dem Leser vielfältige "Einblicke in die Physik und ihre Methode" bietet. Er wird durch die spannende Entwicklung der Physik seit den Tagen von Galilei geführt – mit ihren vielen Irrungen und Wirrungen, die im trockenen Vorlesungsalltag keinen Platz haben. Aufgelockert wird Honerkamps Darstellung durch mehrere (fiktive) Briefe an seine "Enkelin Caroline".

Leider enthält das kleinformatige Buch nur wenige Abbildungen, die manchen Sachverhalt noch besser verdeutlicht hätten. Im Anhang gibt es einen ausführlichen Index sowie weiterführende Literatur. Insgesamt ist das Resultat überzeugend: Das "Unvorstellbare" wird vorstellbar!
30. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30. KW 2010

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