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Rätsel für Außerirdische

Jan Zalasiewicz – Autor des Buchs "Die Erde nach uns" – lehrt heute Erdgeschichte an der englischen Universität Leicester. Zuvor grub und bohrte er sich als Feldgeologe beim British Geological Survey in die Erdkruste, um anhand fossiler Spuren die Umweltbedingungen und die Verbreitung längst vergangener Lebensgemeinschaften zu entschlüsseln. Dies ist anstrengend und erfordert außer Fachwissen detektivisches Gespür und Ausdauer. Den ihn faszinierenden Spannungsbogen zwischen Leben und Untergang vermittelt er seinen Lesern an zahlreichen Beispielen aus der Geschichte des Lebens.

Bei der Lektüre mit den Prinzipien der Fossilwerdung vertraut gemacht, erhält man nun die Grundlage zum Verständnis des zweiten Teils seines Buches. Hier versetzt er uns in die fiktive Situation außerirdischer Besucher, die 100 Millionen Jahre später auf der Erde über die fossilen Überbleibsel unserer untergegangenen Zivilisation grübeln.

Ausgehend von klassischen Spurenfossilien werden die neuartigen urbanen Spuren erörtert, die unsere Zivilisation einst hinterlassen wird. Diese würden am ehesten erhalten bleiben, wenn sie sich auf tektonischen Senkungsbereichen befänden. Fossilierte Reste von New Orleans, Schanghai oder Amsterdam würden daher mit gewisser Wahrscheinlichkeit ebenso in ferner Zukunft gefunden werden können, wie solche von Mexico City, das in unmittelbarer Nähe zu aktiven, Asche speienden Vulkanen eine gute Chance auf ein schnelles konservierendes Begräbnis hat. Auch die zum Teil mehr als 50 Meter tiefen Betonpfähle unserer Hochhäuser hätten als Zeugen moderner Burgen mit ihrer Kabel-, Rohr- und Glasfaserinfrastruktur genauso gute Fossilationschancen wie Straßen, Eisenbahnstrecken und Landebahnen.

Besondere Rätsel allerdings könnten wohl die fossilen Reste unserer Vergnügungseinrichtungen wie Kinos oder Drei-Sterne-Restaurants aufgeben, wenn die außerirdischen Besucher mehr dem logischen Gedankengebäude eines Mr. Spock als dem interpretativen eines Douglas Adams entsprächen. Neben der Erörterung der Deutungsmöglichkeiten dieser "Urbanschicht" übt der Autor fundamentale Kritik an der Energie- und Rohstoffvergeudung unserer Zivilisation, der er keinerlei Überlebenschance einräumt.

Dieses Buch verwundert, weil Jan Zalasiewicz heutige Konventionen wissenschaftlicher Erkenntnis in eine ferne Zukunft extrapoliert und sogar auf außerirdische Besucher projiziert. Will man aber seiner Fiktion folgen, benötigt man über 340 Seiten Lese-Ausdauer und unerschütterliche Zuversicht in die Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit.
8. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 8. KW 2010

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