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Der Geist weht, wo er will

Die ersten Philosophen der Antike, die Vorsokratiker, suchten die Antwort auf das Wesen der Natur in Form eines einzigen einfachen Satzes. Alles ist Wasser, erklärte Thales von Milet. Alles ist das Unbestimmt-Unendliche (apeiron), fand sein Schüler Anaximander. Alles ist Luft, sagte Anaximenes. Heraklit hielt die Veränderung für allgemein ("Alles fließt"), Parmenides und sein Schüler Zenon erklärten sie für Schein, denn das Sein sei ewig und unveränderlich.

Seither suchen die Philosophen hinter der Vielfalt der Erscheinungen ein einheitliches Grundprinzip: Atome (Demokrit), Zahlen (Pythagoras), Ideen (Sokrates und sein Schüler Platon), das Ding an sich (Kant). Im 20. Jahrhundert erklärten die Positivisten all diese Gedanken für sinnlose Metaphysik, denn ob sie zutreffen, lasse sich empirisch nicht entscheiden. Doch damit wurde die Philosophie nicht arbeitslos: Die Deutung der Quantentheorie, die Konsequenzen der Hirnforschung für unser Selbstverständnis, das Verhältnis von Evolution und Religion und viele Fragen mehr liefern weiterhin reichlich Stoff für philosophische Debatten.

Allerdings ist es heutzutage selten geworden, dass jemand im Stil der Vorsokratiker mit einem einzigen Satz sämtliche Welträtsel auf einen Schlag lösen möchte. Thomas Görnitz tut das mit der Behauptung: Alles ist Information.

Ganz unplausibel ist die These nicht. In der DDR, wo Görnitz aufwuchs, wurde gelehrt: Die Versuche, die Wirklichkeit auf eine Grundsubstanz zurückzuführen, lassen sich in zwei Rubriken einordnen, nämlich Materialismus und Idealismus. So hatte das jedenfalls Friedrich Engels im 19. Jahrhundert gesehen und die Wahl zwischen diesen Alternativen zur "Grundfrage der Philosophie" erklärt – wobei für den Materialisten Engels klarerweise nur die eine Antwort als richtig galt.

Den in der DDR zur Staatsdoktrin erklärten Materialismus empfand der promovierte Physiker Görnitz als Denkzwang und erlebte den 1979 vollzogenen Umzug nach Westdeutschland als geistige Befreiung. Sein Mentor wurde Carl Friedrich von Weizsäcker, der naturphilosophische Antworten auf die Probleme der modernen Physik suchte. Heute lehrt Görnitz Didaktik der Physik an der Universität Frankfurt am Main und vertritt zusammen mit seiner Frau Brigitte, einer promovierten Tierärztin und Diplompsychologin, in bisher zwei Büchern die These, der Grundstoff der Welt sei Information.

Damit erledigt sich für Görnitz der Zwang zur engelsschen Entscheidung, denn Information gilt ihm als etwas Drittes jenseits von Materie oder Geist. Um Information zu übertragen, braucht man zwar ein materielles Substrat – Zeichen auf Papier, Morsesignale per Funkwellen –, aber die übertragene Nachricht ist dieser Materie aufgeprägt, quasi eingehaucht, und darum hält Görnitz – und nicht nur er – Information für etwas Nichtmaterielles, Geistiges. In einer absolut gesetzten Information sieht Görnitz die Lösung aller Probleme: Sie beende die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, erledige das Leib-Seele-Problem, begründe den freien Willen, versöhne Wissenschaft und Religion. Fairerweise erwähnt Görnitz, dass sein Mentor von Weizsäcker diese Meinung nicht teilte, weil er einen "absoluten" Informationsbegriff für sinnlos hielt.

Belege für seine These sucht Görnitz in der Quantenphysik. Dort gibt es das Phänomen der Verschränkung, der engen Korrelation zwischen den Komponenten eines Quantensystems. Es ist nicht möglich, verschränkte Quantenzustände als unabhängig voneinander zu betrachten; sie bilden – anders als die Teile eines klassisch-mechanischen Teilchensystems – ein untrennbares Ganzes. Auf "Fragen", das heißt Messungen, reagieren Quantensysteme ganzheitlich, so als würden ihre verschränkten Komponenten sich augenblicklich auf übereinstimmendes Verhalten "absprechen". Insofern spielt der Informationsbegriff für Quantensysteme eine Rolle: Je nachdem, ob man das System als Teilchen- oder als Wellenzustand untersucht, Informationen über Teilchenorte oder Welleninterferenzen beschafft, erhält man unterschiedliche "Antworten", das heißt Messresultate.

Quantenphänomene widersprechen dem "naiven Realismus", weil sie die herkömmliche Vorstellung sprengen, es gebe eine von dieser oder jener "Frage an die Natur" unabhängig existierende Wirklichkeit. Riskant wird es, wenn man die in den vorigen Absätzen gesetzten Anführungszeichen weglässt und dadurch aus metaphorischen Hilfsformulierungen Tatsachenfeststellungen macht. Es ist ein großer Unterschied, ob man vorsichtig sagt, die Quantenwelt verhalte sich, als ob es in ihr auf die bewusste Vorentscheidung des Beobachters ankäme, oder ob man wie Görnitz behauptet, die Quantenphysik reiße eine ohnedies künstliche Barriere zwischen Geist und Materie ein, und dies wiederum beweise, dass die Natur aus absoluter Information bestehe und letzten Endes geistig sei.

Der größte Teil des Buchs enthält "ganzheitliche" Behauptungen über das Wesen der Welt, des Bewusstseins und der Religion, vorgetragen wie kühne Erkenntnisse. Stets ist das Ehepaar Görnitz bestrebt, Unterschiede einzuebnen – unter Berufung auf die vermeintlich informationelle Beschaffenheit der Quanten. Ob man diese Nivellierung jeglicher Differenz als erhebend empfindet wie eine rauschhaft durch den Ideenhimmel rasende Planierraupe oder als ermüdend, da gänzlich unfruchtbar, ist letztlich Geschmackssache. Für mich kommt das Buch einer Warnung gleich: Mit der Idee, Information müsse als zentraler Begriff der Grundlagenphysik anerkannt werden, gerät man leicht in einen Wirbel spiritueller Beliebigkeit.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 02/2009

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