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Rückmeldung nicht vergessen!

Ob im Kino, Fernsehen oder in der Buchhandlung: Normalerweise halten Fortsetzungen erfolgreicher Filme oder Bücher häufig nicht das, was sie versprechen. Mit Vorschusslorbeeren bedacht, profitieren sie vom Erfolg des Originals und entpuppen sich beim genauen Hinsehen als einfache Kopie. Nicht so beim "Zweiten Semester" des Buches "Die Kinder-Uni". Dies liegt einerseits am Konzept der Tübinger Kinder-Uni, das Spitzenforscher in mit Kindern gefüllte Hörsäle bewegt, um einmal nicht über ihr Spezialgebiet, sondern über die scheinbar einfachen Fragen ihres Faches zu sprechen, und das auf allgemein verständliche Art und Weise. Andererseits bieten Universitäten mit ihren vielen Instituten und Seminaren einen ganzen Fundus an interessanten Themen, in dem man eigentlich nur herumstöbern muss und fast nebenbei auf originelle Fragen stößt.

Im ersten Semester ging es noch um solche Fragen, die als besonders kinderfreundlich gelten konnten: Warum sind Dinosaurier ausgestorben? Wieso spucken Vulkane Feuer oder warum ist Schule eigentlich doof? Im zweiten Semester wird – ganz wie im richtigen Studentenleben – der Inhalt anspruchsvoller, ohne aber den Bezug zur Welt der Zehn- bis Dreizehnjährigen zu verlieren. Wie zuvor wurde der "Mitschrieb" der acht Vorlesungen von Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen zu lesenswerten Buchkapiteln erweitert und von Klaus Ensikat meisterlich illustriert.

So geht die Tübinger Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard der vordergründigen Frage nach, warum man Menschen nicht klonen darf. Die Leser erfahren jedoch wesentlich mehr über die Welt der Klone, zu denen bekannterweise Blattläuse oder der Löwenzahn gehören, über die Erbsubstanz DNA und das Klonschaf Dolly. In ähnlich ausführlicher Weise wird auch erklärt, warum Pflanzen wachsen und warum wir Menschen hören können. Beide Kapitel nutzen ihre Ausgangsfragen zur anschaulichen Vermittlung der erforderlichen Grundlagen, die sicher genauso für Erwachsene lesenswert sind. Und warum wir träumen und was unsere Träume bedeuten, ist bestimmt auch eine brennende Frage im Familienalltag. Mit diesem Buch können auch viele Eltern einen Erklärungsnotstand vorbeugen, wenn ihre Kinder den Unterschied zwischen Sternen und Planeten wissen wollen. Kein Wunder also, dass diese Vorlesung von den Studierenden der Kinder-Uni als beste ausgezeichnet wurde!

Die Kinder-Uni deckt aber nicht nur die Naturwissenschaften ab, sondern folgt auch in ihrem zweiten Semester dem Gedanken eines "Studium generale". So beantwortet ein interessantes Kapitel über Archäologie, warum griechische Statuen immer nackt aussehen. Und auch die Philosophie kommt nicht zu kurz mit dem Thema "Warum bin ich Ich?", die zudem mit dem Vorurteil aufräumt, dass Philosophen weltfremde Denker sein müssen.

So wie im ersten Band die Frage, warum Schule doof ist, die Zielgruppe der Kinder-Uni besonders angesprochen hat, bietet auch der zweite Band einen solchen "Dauerbrenner": "Warum dürfen Erwachsene mehr als Kinder"; unter dieser Leitfrage findet sich eine Abhandlung über die vermeintlichen Freiheiten – und Pflichten – der Erwachsenen gegenüber Kindern und wie sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kinder im Lauf der Geschichte verändert hat. Kinder, die sich über Filme erst ab 16, elterliche Aufforderungen zum Aufräumen des Zimmers oder endlich ins Bett zu gehen aufregen, werden in diesem Kapitel erfahren, dass ihnen bei uns aber auch ein besonderer Schutz zukommt: Kinderarbeit ist nämlich ebenso verboten wie der Rohrstock in der Schule.

Wie der erste Band dürfte das zweite Semester der Kinder-Uni von Eltern für ihre Kinder gekauft, aber dann von auch ihnen gelesen werden. An manchen Stellen ist der Text auch so anspruchsvoll, dass eine gemeinsame Lektüre zu empfehlen ist. Die zahlreichen Illustrationen und vielfach humorvollen Zwischenüberschriften erleichtern jedoch den Zugang zu den Kapitelinhalten. Mit seiner schönen Gestaltung lässt sich mit beiden Bänden der Kinder-Uni der Anfang einer Kinder-Hausbibliothek begründen, die unbedingt erweitert werden sollte. Deshalb gilt wie an der "richtigen" Uni: Rückmeldung für das dritte Semester nicht vergessen!
08.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.09.2004

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