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Verknöchert und verstaubt

Im August 1865 stießen Arbeiter in einem kleinen, beschaulichen Tal bei Düsseldorf auf alte menschliche Knochen. Der epochale Fund sollte nicht nur das Bild des Menschen revolutionieren – 150 Jahre später beschert er uns auch mit einer Flut von Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. Der auf Archäologie spezialisierte Theiss-Verlag darf da natürlich nicht zurückstecken: "Die Neandertaler" heißt das Werk der Archäologen Bärbel Auffermann und Jörg Orschiedt, das uns mitnehmen will, "auf dem Weg zum modernen Menschen", wie der Untertitel verspricht.

Wer zu dem großformatigen Band greift, dürfte zunächst beeindruckt in ihm blättern und sich an den vielen bunten Bildern erfreuen. Auch im Bücherschrank wird sich das gewichtige Werk sicherlich gut machen.

Wer sich allerdings nicht nur mit netten Bildern begnügt, sondern anfängt zu lesen, wird bald bitter enttäuscht: Uns erwartet ein staubtrockener, verknöcherter Text, der es nicht vermag, die spannende Geschichte des wohl berühmtesten Fossils, das Deutschland zu bieten hat, auch nur annähernd interessant zu erzählen. Offensichtlich wussten die beiden Autoren nicht, für wen sie eigentlich schreiben. Wer sich mit den Neandertalern schon länger beschäftigt, dem können Auffermann und Orschiedt nicht viel Neues offenbaren. Wer sich allerdings – vielleicht auch durch das Jubiläum neugierig geworden – noch vollkommen unbedarft der Paläoanthropologie nähert, dürfte eher abgeschreckt werden.

So kennen vielleicht einige die Bezeichnungen der steinzeitlichen Kulturstufen wie Moustérien, Châtelperronien oder Aurignacien, aber eine kurze Erklärung wäre sicherlich hilfreich gewesen. Auch wüsste mancher Leser bestimmt gerne, was sich hinter "Levalloistechniken" oder "taphonomischen Prozessen" verbergen. Und dass es sich bei den rätselhaften Tierarten Meriones persicus und Meriones crassus, die wohl so manche Fundstätten durcheinanderwirbelten, schlicht um Rennmäuse handelt, erscheint den Autoren als zu selbstverständlich, um den Text damit unnötig zu belasten.

Doch selbst wenn man über mangelnde Erklärungen und den sprachlich durch Passivkonstruktionen und zahlreiche Wiederholungen ermüdenden Text hinwegsieht – auch inhaltlich enttäuscht Auffermanns und Orschiedts Neandertaler. Der Ärger beginnt schon mit dem Klappentext: "Und die Genforschung kann beweisen, dass sie [die Neandertaler] sich auch mit dem modernen Menschen vermischt haben – und wir damit alle vom Neandertaler abstammen." Das ist schlicht falsch. Im Gegenteil: Neben etlichen morphologischen und paläontologischen Studien haben die Arbeiten des Anthropologen und Genetikers Svante Pääbo – die immerhin im Text auch erwähnt werden – eindrücklich widerlegt, dass es nachweisbare Spuren des Neandertalers in unserem Erbgut gibt.

Auffermann und Orschiedt scheint das nicht weiter zu stören. Sie rauben schlicht ihrem Forschungsobjekt den Artstatus, in dem sie es als Homo sapiens neanderthalensis bezeichnen. Damit vertreten sie in der Anthropologenzunft eine Minderheitsmeinung; die meisten ihrer Kollegen haben dem Neandertaler inzwischen wieder den Rang einer vollwertigen und eigenständigen Spezies zugebilligt – sprich: Homo neanderthalensis. Natürlich lebt Wissenschaft von unterschiedlichen Ansichten, auch von Streit. Ein Hinweis darauf stände jedoch auch einem "populärwissenschaftlichen" Werk gut zu Gesicht.

So erweist sich das Buch als nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Viele aktuelle Erkenntnisse fehlen, selbst die neueren Funde im Neandertal aus dem Jahr 1997 werden nicht erwähnt. Auch die Schlussbemerkung, der anatomisch moderne Mensch lebe seit dem Verschwinden des Neandertalers "im evolutionären Ausnahmezustand", ist seit der spektakulären Entdeckung des Homo floresiensis überholt.

Richtig bitter wird es dann noch einmal im Anhang, finden sich doch im Glossar Behauptungen, die schlicht schmerzen: Da wird von einem "Zerfall von Elektronen" geredet (ein physikalisches Meisterstück!), Australopithecus africanus flugs zur ältesten Australopithecinen-Art erklärt (was zählen schon die ein bis zwei Millionen Jahre, die A. anamensis und A. afarensis älter sind?), und die Gattung Homo sieht sich zur Art degradiert.

Fazit: Für den Bücherschrank mögen "Die Neandertaler" nett anzusehen sein, als anregende Lektüre sind sie leider wenig empfehlenswert. Hieran ist wohl auch der Verlag nicht ganz unschuldig, der es offensichtlich versäumte, wenigstens die gröbsten Schnitzer herauszuredigieren.

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