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Beste Unterhaltung

Historische Romane um berühmte Personen aus der Wissenschaft haben derzeit Konjunktur. Man denke nur an Gauß und Alexander von Humboldt. Im Gegensatz zum Verfasser einer Forschungsarbeit, die mit gesicherten Fakten aufwarten muss, genießt der Romanautor beträchtliche Freiheiten. Er muss es mit den wissenschaftshistorischen Daten nicht so genau nehmen. Das ist aber kein Vorwurf. Die künstlerische Freiheit bietet indes viel Raum für persönliche Gefühle, Ereignisse und Schauplätze. Natürlich sollte nicht alles frei erfunden sein, die wesentlichen Aussagen müssen schon stimmen. Hat der Autor es hier demnach leichter als bei einer wissenschaftlichen Abhandlung?

Wohl eher nicht, wagt er sich doch auf ein Gebiet, das von Literaturkritikern strengstens überwacht wird. Hier ist nicht (allein) Fachwissen sondern ausgewachsene Prosa gefragt. Man muss Geschichten erfinden und erzählen können. Ein klarer Gegensatz zu einer Fachpublikation, die einem strengen Schema unterworfen ist. Trotzdem sollte die Handlung, wie in einem Drehbuch, logisch aufgebaut sein und sprachlich ausgefeilt präsentiert werden. Nicht nur ein reicher Wortschatz sondern vor allem Kreativität und literarisches Können sind also gefragt – sicher nicht jedermanns Sache.

Thomas Bührke, aus der wissenschaftlichen Welt kommend, wagt mit seinem jüngsten Werk "Aristarch von Samos" einen Ausflug in die Belletristik. Um es vorweg zu sagen: Das Ergebnis ist gelungen – soweit der Rezensent das als Angehöriger der erstgenannten Welt überhaupt beurteilen kann (man darf in der Tat auf die Reaktionen des Feuilletons gespannt sein).

Hauptperson ist Aristarch von Samos; viele verbinden mit dem Namen vielleicht nur einen Mondkrater. Wenige wissen, dass der griechische Astronom wohl als erster die Sonne ins Zentrum des Planetensystems gesetzt hat – etwa 1800 Jahre vor Kopernikus! Offensichtlich hat sich diese revolutionäre Weltsicht nicht durchgesetzt. Wo ständen wir heute wohl im gegenteiligen Fall?

Der Autor hat den Schauplatz des Geschehens ins antike Alexandria verlagert. Die bedeutende Hafenstadt an der ägyptischen Mittelmeerküste mit ihrem markanten Leuchtturm "Pharos" war zur Zeit der Handlung, die zwischen 289 und 259 v. Chr. spielt, in griechischem Besitz. Die erzählte Geschichte ist, wie auch das Auftreten bekannter Zeitgenossen wie Euklid, Timocharis, Archimedes oder Straton, weit gehend fiktiv. Die künstlerische Freiheit erlaubt die ungezwungene Interaktion an bedeutenden Orten – und dies wird auf unterhaltsame Weise genutzt. Beim Lesen löst man sich schnell vom strengen Korsett der Astronomiegeschichte und nimmt Teil am Alltag der Protagonisten. So oder so ähnlich muss es im Dunstkreis der berühmten (leider später abgebrannten) Bibliothek von Alexandria gewesen sein.

Ob Aristarch wirklich dort gelehrt und geforscht hat, ist nicht belegt – es ist aber auf jeden Fall eine gelungene Idee. Hieraus entwickeln sich viele Geschichten um wissenschaftliche Leistungen des antiken Gelehrten, die nur zum Teil historisch gesichert sind: die Bestimmung der Kugelgestalt der Erde in Syene, mathematische Beiträge zu Euklids "Elementen", die Konstruktion einer sphärischen Sonnenuhr, die nachgewiesene (sehr grobe) Bestimmung der Sonnenentfernung und schließlich das heliozentrische Weltbild.

Insbesondere bei dieser finalen Erkenntnis spekuliert der Autor, denn es gibt dazu nur indirekte Quellen. Aristarchs These, die eine drastische Vereinfachung des kanonischen Systems mit seinen komplexen Sphären bedeutet, ist aber spannend umgesetzt und gipfelt in einer fiktiven Disputation mit Kleanthes von Assos, einem Vertreter des klassischen, aristotelischen Lagers – eine interessante Parallele zum Fall Galilei. Das Leben des griechischen Astronomen stand dabei auf dem Spiel: Wäre das neue Weltbild vom Herrscher Alexandrias, Ptolemäus II., als Ketzerei beurteilt worden, so hätte Aristarch wohl den giftgefüllten "Schierlingsbecher" austrinken müssen.

Natürlich dürfen Liebe, Leid und Missgunst in einem Roman nicht fehlen – der Leser wird hier hinreichend bedient. Geliebte, Freunde und Neider treten auf den Plan und reichern die Geschichte schwungvoll an. Herausgekommen sind etwa 250 Seiten beste Unterhaltung. Neben der anschaulichen Schilderung des Alltagslebens mit seinen hierarchischen Strukturen, gewinnt man interessante Einblicke in die griechische Philosophie, Mathematik, Physik, Astronomie und Medizin.

Das Buch ist sowohl etwas für literarisch interessierte Naturwissenschaftler als auch für Romanleser mit Hang zur Wissenschaftsgeschichte. Thomas Bührke hat die erforderliche Gratwanderung auf erstaunlich professionelle Weise gemeistert. Ein lesenswertes Buch.
21. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21. Woche 2009

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