»Die Vergiftung der Welt«: Das gefährliche Geschäft mit »Ewigkeitschemikalien«
In dem kleinen amerikanischen Ort Hoosick Falls beginnt eine der erschreckenden Geschichten zu per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS), den sogenannten Ewigkeitschemikalien. Ähnliche Geschichten lassen sich für weitere Orte in den USA und anderen Ländern der Welt erzählen, doch das Geschehen in Hoosick Falls ist, so die Journalistin Mariah Blake, exemplarisch. Sie berichtet über eine systematische Vergiftung und ihre Vertuschung, über Krankheiten und den zähen Widerstand einzelner Einwohner. Und sie beschreibt die toxische Wirkung von Stoffen, die für Skiwachs, Pizzakartons, To-go-Becher, Backpapier, Outdoorkleidung, Teflonpfannen oder Zahnseide produziert werden.
In Hoosick Falls führt ein Todesfall auf die Spur der Vergiftung, wie Blake berichtet. Der Familienvater Ersel Hickey stirbt nach langer Krankheit an Nierenkrebs. Er hatte für das Chemieunternehmen Saint-Gobain gearbeitet. Als sein Sohn Michael auf Fässer der Firma stößt, schöpft er Verdacht und beginnt zu recherchieren. Er vermutet, dass das Trinkwasser mit Giften kontaminiert wurde. Als der Bürgermeister Wasseranalysen verhindert, führt Michael diese auf eigene Faust durch – mit erschreckendem Ergebnis. Doch er stößt weiterhin auf viele Widerstände, denn das Unternehmen ist der größte Arbeitgeber am Ort. Es dauert Jahre, bis Saint-Gobain zu Entschädigungen in Millionenhöhe bereit ist und – was für viele noch wichtiger ist – ein kontinuierliches medizinisches Monitoring der Einwohner bezahlt.
Aus Geschichten werden Schicksale
Um die Geschichte der Ewigkeitschemikalien zu erzählen, wählt Mariah Blake einen persönlichen Ansatz: Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt, die darum kämpfen, dass ihre Krankheiten als durch giftige Chemikalien verursacht anerkannt werden. In Hoosick Falls verbringt sie viel Zeit mit Recherchen. Sie besucht Gerichtsverhandlungen, politische Versammlungen, Jugendliga-Baseballspiele, Familientreffen. Sie spricht mit den Menschen in Krankenhauszimmern und Kneipen. Blake stellt eine Beziehung zwischen ihren Lesern und denjenigen her, die unter den Folgen von PFAS leiden, und erschafft so eine äußerst lebendige und intensive Erzählung. Dafür hat die Journalistin investigativ recherchiert, über Jahre hinweg. Sie weiß auch von anderen Orten zu berichten, an denen Menschen um ihre Gesundheit kämpfen, und macht so nach und nach das ganze Ausmaß der Kontamination insbesondere in den USA deutlich. Ins Zentrum stellt sie dabei mit PFOS und PFOA zwei Versionen von Fluorkohlenstoffen, die ebenfalls zur Klasse der PFAS zählen. Sie gelten als quasi unzerstörbar – daher die Bezeichnung »forever chemicals« oder »Ewigkeitschemikalien« – und stehen im Verdacht, Fettleibigkeit, Unfruchtbarkeit, Hodenkrebs, Schilddrüsenerkrankungen, neurologische Störungen, Immunsuppression und lebensbedrohliche Schwangerschaftskomplikationen zu verursachen.
Vertuschungen und Skandale
Es ist erschreckend zu lesen, dass, so Blake, in der Industrie einige Chemiker und Toxikologen das schädliche Potenzial der PFAS schon früh erkannt hatten. Einer dieser Experten habe seinem eigenen Arbeitgeber vorgeworfen, die Chemikalien trotz dieser Erkenntnisse weiter zu vermarkten und entsprechende Studien verschwinden zu lassen. Mariah Blake führt weiter aus, dass Unternehmen wie DuPont, 3M oder Saint-Gobain jahrzehntelang gewusst hätten, dass und wie ihre Produkte Menschen schädigen – und ihr Wissen dennoch geheim gehalten hätten. Sie berichtet gar, dass man Frauen im gebärfähigen Alter ausgewählt und gezielt in kontaminierten Bereichen eingesetzt habe, um dann heimlich die gesundheitlichen Folgen zu untersuchen – getarnt als Routinechecks. Auch Studien zu aus der Vergiftung resultierenden Missbildungen bei Neugeborenen habe man verfälscht oder ganz verschwinden lassen, also weder die Arbeiterinnen und Arbeiter noch Behörden über die Zusammenhänge informiert. Stattdessen habe man gemeinsam mit der Öl- und Tabakindustrie Thinktanks gegründet, um in Medienkampagnen die Ungefährlichkeit der eigenen Produkte zu propagieren und systematisch Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen »über hormonstörende Chemikalien zu säen«. Einige von Blakes Berichten sind so ungeheuerlich, dass man sich anhand der aufgeführten Quellen vergewissern möchte, ob es für ihre Darstellungen wirklich Belege gibt. Und ja, es gibt sie.
Inzwischen findet man PFAS auf der ganzen Welt, im Boden wie im Meer. In Deutschland ist es die Diplom-Biologin und Journalistin Patricia Klatt, die seit 2014 und damit als eine der Ersten hierzulande intensiv zu den Ewigkeitschemikalien recherchiert und dazu beigetragen hat, den »Rastatt-Skandal« in Mittelbaden aufzudecken. Beschichtete Pizzakartons waren dem Kompost für die Landwirtschaft beigemischt worden und hatten das Grundwasser vergiftet. Inzwischen sind Recherchen von »Süddeutscher Zeitung« und »Correctiv« zu dem Ergebnis gekommen, dass vergleichbare Fälle bundesweit festzustellen sind.
Auf der Grundlage ihrer investigativen Recherchen schildert Mariah Blake detailliert und umfassend, wie die Chemiefirmen die Gefahren ihrer Produkte wissentlich verschleierten, die Produktion fortsetzten und eine massive Gesundheitskrise auslösten. Es sei, so die Autorin, einer der größten moralischen Skandale unserer Zeit. Und sie verweist auf das globale Ausmaß der Bedrohung: »PFAS-Chemikalien verschmutzen mittlerweile weltweit die Umwelt – von den Ozeanen über die Arktis bis zum Mount Everest. Sie verschmutzen auch den Körper praktisch jedes Menschen auf diesem Planeten. Sobald sie in uns sind, bleiben sie dort wie eine tickende Zeitbombe für Krankheiten«, so die Autorin. In der EU wurde der Einsatz von PFOS und PFOA bereits stark eingeschränkt. Ein vollständiges Verbot wird diskutiert.
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