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Nach uns geht es weiter

"Die Welt ohne uns" – für viele Menschen dürfte dies ein erschreckender Gedanke sein, doch abwegig ist er keineswegs: Jede Art, und damit auch der Homo sapiens, hat nur eine bestimmte Lebensdauer und stirbt irgendwann aus. Dieses Ende kann im geologischen Zeitmaßstab relativ plötzlich kommen wie im Fall der Dinosaurier, denen wohl ein Meteoriteneinschlag endgültig den Garaus bereitete. Es kann quasi über Nacht eintreten wie beim Dodo, den der Mensch auf dem Gewissen hat. Oder es kann auf ein längeres Siechtum folgen, während dem die Spezies von angepassteren, durchsetzungsfähigeren Konkurrenten verdrängt wird, bis ihr Bestand letztlich erlischt.

Auch wir sind vor diesem Aussterben nicht gefeit, obwohl unsere Gesamtpopulation jenseits von sechs Milliarden Individuen gegenwärtig nicht für unser Ableben spricht. Dennoch wird irgendwann dieser Zeitpunkt kommen – sei es durch einen verheerenden Atomkrieg, durch selbstverschuldetes Untergraben unserer Lebensgrundlagen, eine kosmische Katastrophe oder schlichtes Degenerieren. Was wird dann aber von uns bleiben? Und wie wird sich der Planet weiterentwickeln, wenn es uns dereinst nicht mehr geben wird?

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Alan Weisman hat sich in seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch "Die Welt ohne uns" einige profunde Gedanken dazu gemacht. In seinem von der ersten bis zur letzten Seite spannenden Szenario bleibt erstmal unklar, wodurch wir vom Antlitz der Erde verschwinden, doch sind wir von heute auf morgen einfach nicht mehr präsent: Kein Mensch wartet mehr Häuser, Straßen und Maschinen, kein Landwirt pflügt den Boden, kein Jäger stellt mehr Elefanten, Rehen oder Bisons nach.

Unsere Bauwerke machen das nicht lange mit: Der Putz bröckelt, Pflanzen sprengen das Mauerwerk, Wind und Wetter machen Wände mürbe, sprengen bei Frösten die Leitungen, Sturm und Hagel zertrümmern Glasflächen, bald stürzen die Wolkenkratzer ein. Ausgehend von den Stadtparks breiten sich erst Wiesen, dann Wälder aus, noch mehr wilde Tiere erobern ehemals verlorenes Terrain. Innerhalb von nur 500 Jahren erinnert auf den ersten Blick kaum mehr etwas an Städte wie Berlin und New York, an ihre Stelle ist eine mit dichtem Baumwuchs bestandene hügelige Landschaft aus Gesteinstrümmern entstanden, in der erst bei genauerem Hinsehen im Unterholz die dauerhafteren Relikte der so genannten modernen Zivilisation zu erkennen sind: Alufelgen, PVC-Rohre, Glas. Nur tektonische Umwälzungen oder zermahlende Gletscher einer neuen Eiszeit könnten ihre Umsetzung beschleunigen.

Der Zerfall trifft allerdings nicht alle Gebäude gleichermaßen stark – im Gegenteil sind die modernsten Gebäude sogar meist am stärksten und ersten betroffen. Denn Beton gilt schon lange nicht mehr für die Ewigkeit, sondern zerbröselt mitunter in wenigen Monaten oder Jahren wie aktuelle Beispiele aus Berlin oder Minneapolis zeigen. Monumente wie der Kölner Dom, die Hagia Sophia oder die Pyramiden könnten auch in ein paar tausend Jahren zumindest noch grob zu erkennen sein, während das Empire State Building schon längst vergangen ist. Es sind ohnehin gerade die ältesten Artefakte des Menschen, die ihn am längsten überdauern dürften – kein gutes Zeugnis für unsere heutige schnelllebige Zeit.

Komplizierter ist das Schicksal anderer Bestandteile unserer industriellen Kultur: Was passiert mit den riesigen petrochemischen Raffinerien und ihren Produkten? Wie enden Kernkraftwerke ohne unsere steuernde Hand und wie ihr strahlender Müll? Selbst wenn es den Ingenieuren gelingen sollte, die Anlagen kontrolliert herunterzufahren, so gewährt dies der Umwelt nur eine kurze Atempause, bis Korrosion oder andere Kalamitäten zu Explosionen oder großflächigen Verseuchungen der Umgebung führen. Je nach Halbwertszeit der freigesetzten radioaktiven Elemente bleibt dieses unseres Vermächtnis wohl am längsten nachweisbar. Nachhaltiger jedenfalls als unsere klimatische Signatur in der Atmosphäre, die mittelfristig dennoch am stärksten die Geschicke des gesamten Planeten bestimmen dürfte: Sie beschert womöglich der Erde eine Hitzeperiode, auch wenn wir nicht mehr weiter emittieren, denn das Klimasystem reagiert eher träge.

Generell überwiegen jedoch die Profiteure unter unseren tierischen und pflanzlichen Mitbewohnern: Jährlich sterben Millionen Vögel an Umweltgiften, durch Genickbruch an Wolkenkratzern oder erschöpft, nachdem sie stundenlang orientierungslos während der Zugzeit um grell beleuchtete Hochhäuser geflattert sind. Diese Opferzahlen gehen bald zurück. In den Tropen weiten sich die Regenwälder auf ehemaligen Sojaäckern wieder aus, in Afrika und Asien erholen sich die Großtierbestände, und in den Meeren wachsen die Fischschwärme wieder an.

Für jedes dieser Szenarien – und noch einige mehr – hat Weisman viel Literatur gewälzt und vor allem mit sehr vielen Fachleuten aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsgebieten gesprochen: Ingenieure kommen ebenso zu Wort wie Geowissenschaftler, Klimatologen, Biologen, Astronomen und sogar Leichenkundler – schließlich hinterlassen wir auch noch nach unserem Tod biologische und biochemische Spuren. Zudem besuchte der Autor zahlreiche Ecken unseres Planeten, in denen der Mensch schon heute nicht mehr wirken kann oder noch nicht wirken darf wie in Nationalparks oder der koreanischen Demarkationslinie. Sie zeigen beispielhaft, wie sich die Natur erholen kann, wenn wir nicht mehr eingreifen.

Bleibt also nichts von uns außer vielleicht etwas Abfall, ein paar Knochen und Hinweisen in den Sedimenten? Nicht ganz, denn im All treiben ein paar alte Raumsonden, die eines fernen Tages womöglich von anderen Zivilisationen entdeckt und vielleicht richtig interpretiert werden. Dazu wabern unsere Radio- und Fernsehwellen durchs All, und auch sie stoßen irgendwann eventuell auf einen Empfänger. Womöglich kehren ihre Botschaften mit diesem wieder während einer Expedition auf die Erde zurück – immerhin das könnte ein tröstlicher Gedanke sein.
17.08.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.08.2007

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