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Ich sehe was, was du nicht siehst

Die seltsamen Schnippchen, die uns unsere Sinne schlagen, zählen sicher zum Spannendsten, was Psychologie und Hirnforschung zu bieten haben. Da sieht, hört oder fühlt der eine Dinge, die es nicht gibt, der andere nimmt die Welt um sich herum bisweilen auf grotesk verzerrte Weise wahr, und wieder andere werten ihr halluzinatorisches Erleben gar als Beleg dafür, dass allerlei Fabelwesen und Geister das Erdenrund bevölkern. Nach dem Dafürhalten zahlreicher Forscher speisen sich Kunst, Kultur und religiöser Glaube zu erheblichen Teilen aus dem menschlichen Hang, die eigenen Fiktionen für real zu halten. Einer von ihnen ist der britische Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks.

In seinem neuen Buch entführt er uns in jenes faszinierende Zwischenreich, in dem Traum und Wirklichkeit verschmelzen und nichts so ist, wie es zu sein scheint. In 15 Kapiteln erkundet Sacks beinah den gesamten Fundus der Phänomene, die uns außer-, über- oder nebensinnliche Wahrnehmungen eingeben: Dazu zählen die Begleiteffekte verschiedener Störungen wie visuelle Erscheinungen bei Migräne, epileptische Auren oder typische Fehlwahrnehmungen von Parkinsonpatienten. Aber auch eher "normale" Halluzinationen etwa unter Drogeneinfluss, nach länger andauerndem Reizentzug und in emotionalen Ausnahmezuständen schildert Sacks ausführlich. Einzig die Palette der schizophrenen Psychosen spart er aus – denn diese seien, wie er im Vorwort schreibt, "nicht von dem tief veränderten Innenleben und den Lebensumständen dieser Patienten zu trennen".

Sacks interessieren vor allem jene Kapriolen der Sinne, die den Betreffenden noch so gerade – oder eben nicht mehr – als Trugerscheinungen bewusst werden. Hierin liegt schließlich der besondere Reiz und die Tragweite des Themas: Letztlich konstruiert auch das gesunde Gehirn ja allenthalben seine eigene Wirklichkeit – nur ist diese im Normalfall dem Realitäts- oder zumindest Plausibilitätscheck unseres Wachbewusstseins unterworfen. Fällt dieser aus welchen Gründen auch immer aus, verlieren wir augenblicklich den scheinbar so festen Boden unter den Füßen.

Der inzwischen 79-jährige Autor von Sachbuchklassikern wie "Der Mann, der seine Frau mit seinem Hut verwechselte" (1985) oder "Awakenings" (1990) reiht auch in seinem zwölften Werk so routiniert wie eh und je Fallgeschichten und Anekdoten aneinander. Dabei lässt er die Patientenschicksale, die teils aus seiner eigenen Praxis, teils aus medizinhistorischen Quellen stammen, stets für sich sprechen. Kaum jemals kommentiert der Neurologe kraft seiner wissenschaftlichen Expertise von höherer Warte oder sinniert darüber, was das alles über den menschlichen Geist im Allgemeinen aussagt.

Mancher Leser mag dies als Manko empfinden. Unterm Strich ist der nüchterne Blick auf den eigentlichen Gegenstand jedoch ein Vorzug: Sacks schwingt sich nicht auf zum Welterklärer, der altväterliche Weisheiten fürs Poesiealbum zum Besten gibt – von dieser Sorte Buchautoren gibt es ohnehin genug. Hier steht das Material für sich, auch um den Preis, dass die große, abschließende Botschaft fehlt. An vielen Stellen im Text unterbricht Sacks die Schilderung von Fallberichten durch Zitate aus historischen Dokumenten, Aufsätzen und Büchern von Medizinerkollegen. Die Fülle des Materials, die er dabei verwertet hat, ist beeindruckend. Am dichtesten erzählt sind freilich jene Passagen, in denen Sacks seine eigenen Drogenerlebnisse schildert.

Mitte der 1960er Jahre experimentierte der junge Assistenzarzt nach Feierabend und am Wochenende mit diversen Halluzinogenen. So kam es, dass er eines Tages mit einer sprechenden Spinne in seinem Apartment über Bertrand Russells Philosophie diskutierte oder auf der Straße vor Passanten mit monsterhaft vergrößerten Insektenaugen davonrannte. In solchen Anekdoten erhält der Leser nebenbei einen Einblick in den Charakter des Forschers, der hier vor ihn tritt: Seine unbändige Neugier lässt Sacks auch vor Selbstexperimenten mit unsicherem Ausgang nicht zurückschrecken. Insofern klingt es fast nach einem autobiografischen Kredo, wenn er schreibt: "In den Tag hineinzuleben ist für Menschen unbefriedigend; wir brauchen Transzendenz, Entrückung und Flucht; brauchen Sinn, Erkenntnis und Erklärung (…) Und wir brauchen die Freiheit (oder zumindest die Illusion der Freiheit), über uns selbst hinauszugelangen."

Wie brüchig das so sicher erscheinende Fundament unserer Wahrnehmungen tatsächlich ist, führt uns kein anderer Autor auf so sachliche, unaufgeregte Weise vor Augen. Oliver Sacks zu lesen, ist, als würde man auf einer dünnen, durchscheinenden Eisfläche über die Untiefen des menschlichen Bewusstseins dahingleiten. Und wer genau hinschaut, erkennt darunter ein Stück seiner selbst.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 6/2013

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