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Große Inszenierung

Kann man über Einsteins berühmteste Formel einen Spielfilm drehen? Über E=mc2? Offensichtlich, denn nun erscheint tatsächlich eine 104-minütige Dokumentation über den Weg zu der Formel der Physik im Handel, die in aufwändigen Spielfilmszenen die entscheidenden Stationen nachstellt. Der Film basiert auf den Bestseller "Bis Einstein kam – Die abenteuerliche Suche nach dem Geheimnis der Welt" von David Bodanis.

In dem Buch steht die berühmte Formel E=mc2 nicht im Mittelpunkt, sondern bildet den Endpunkt einer Entwicklung. Hierin liegt die große Stärke dieser Dokumentation: Indem sie systematisch der Herausbildung der Begriffe Energie und Masse nachspürt, stellt sie zahlreiche fundamentale Experimente aus der Physik des 18. und 19. Jahrhunderts nach und in ihren historischen Kontext. Am eindrucksvollsten gelingt dies bei Michael Faraday – dem Entdecker des Faradayschen Käfigs – und dem französischen Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier. Michael Faraday zu beobachten, wie er mit den Labormitteln seiner Zeit mit stromdurchflossenen Leitern und Magneten experimentiert, um das Geheimnissen des Elektromagnetismus zu ergründen, ist lehrreich und macht einfach Spaß. Die Experimente Lavoisier hingegen waren entscheidend für die Herausbildung des Materiebegriffs. Im gelang es nicht nur Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen, sondern dabei zu zeigen, dass nichts verloren geht: Die Materie bleibt bei chemischen Reaktionen erhalten. Auch dieses Experiment stellt die Dokumentation in Spielfilm-Manier nach.

Nachdem die Masse und die Energie erstmals als Erhaltungsgrößen erkannt waren, galt es nun die Ausnahme von der Regel zu entdecken, die Umwandlung von Masse in Energie. Experimentell sehr bedeutsam sind hierzu die Arbeiten der Physikerin Lise Meitner und des Chemikers Otto Hahn. Die Dokumentation zeigt diese Entwicklung aus der Perspektive Lise Meitners, was sehr löblich und interessant ist, da diese zurückhaltende und bescheidene Frau viel zu oft übergangen wird, wenn von den spannenden Jahren der frühen Atom- und Kernphysik erzählt wird.

Albert Einstein selbst begegnet einem in dieser Dokumentation zumeist als junger Mann in der Zeit seines "Wunderjahres" 1905. Das ist angenehm, denn hier wird nicht erneut das Klischee des verschrobenen Professors vorgeführt, für das Einstein später so oft Modell stand. Vielmehr haben wir es mit einem charmanten, aber egozentrischen jungen Mann zu tun, der möglichst unkonventionell seinen Weg geht.

Die einzige Schwäche der Dokumentation liegt darin, dass es ihr nicht gelingt, die abstrakte moderne Physik ausreichend und laiengerecht darzustellen. Dies liegt jedoch in der Natur der Sache: Der Sinn der Experimente von Einsteins Vorgängern erklärt sich beim Zuschauen mehr oder weniger von selbst. In die Gedankenwelt Einsteins kann der Zuschauer aber auch bei noch so guter schauspielerischer Leistung nur sehr oberflächlich eindringen – ähnlich wie bei den Atomkernen Lise Meitners. Dennoch empfehle ich diesen Film gerne weiter: Egal ob Laie oder Experte, er bietet gute Unterhaltung – und das zur wichtigsten Formel der Physik.
4. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 4. Woche 2009

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