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Venters Welt

Gespannte Stille herrscht am 26. Juni 2000 im East Room des Weißen Hauses als Bill Clinton an das Mikrofon tritt. "Wir feiern den Abschluss der ersten Vermessung des gesamten menschlichen Genoms", verkündet er. Der Mann, der die sechs Milliarden Buchstaben der menschlichen DNA entschlüsselt hat, sitzt neben ihm auf dem Podium: John Craig Venter.

Der Vorleser des Buchss des Lebens hat nun mit nur einer Million Buchstaben das Buch seines Lebens verfasst. "Entschlüsselt! Mein Genom – mein Leben" beschreibt wie aus einem surfenden, rebellischen Teenager in den Wellen vor San Franciscos Küste, jener erfolgreiche Wissenschaftler an der Seite von Bill Clinton wurde.

"Aus meinen ersten Jahren ist mir vor allem eine Erinnerung lebhaft im Gedächtnis geblieben: die von völliger, absoluter Freiheit". Diese freie und unbeschwerte Kindheit verbringt der junge Craig in der ländlichen Gegend um San Francisco, wo er seine Neugier und seine Liebe zum Risiko ausleben kann. Obwohl die Anekdoten seiner Jugend ein wenig aufgesetzt und holprig wirken, zeichnen sie doch ein gutes Bild seines ehrgeizigen, und abenteuerlustigen Charakters.

Diese Eigenschaften sind es auch, die ihn in der "Todesuniversität" Vietnam am Leben halten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter landet er 1967 in der Hafenstadt Da Nang, um dort seinen Dienst im Krankenhaus zu leisten. Seine traumatischen Erlebnisse mit verstümmelten Soldaten auf blutigen Feldbetten und nächtlichen Fliegerbomben bringen ihn an seine Grenzen und erfordern eine eigene Überlebensstrategie – das Meer.

Ob Schwimmen, Surfen, Segeln – die blaue Naturgewalt zieht sich wie ein roter Faden durch Venters Leben. In Vietnam wird sie zur Flucht aus dem Grauen. Aufrichtig und authentisch beschreibt er seine eigene Schwäche und die Machtlosigkeit gegenüber dem Tod, was das Vietnam-Kapitel zu einem der persönlichsten und besten des Buches macht. Besonders die Begegnung mit einem schwerverletzten Soldaten, der aus reiner Willensstärke mehrere Tage überlebt, verleiht ihm neue Kraft und Antrieb, aus seinem Leben etwas zu machen.

Mit diesem Vorhaben beginnt er nach seiner Rückkehr in die USA, wo er das College beendet und sich für ein Biochemiestudium an der Universität von Kalifornien einschreibt. Die Kapitel über seinen Aufstieg in der Adrenalinforschung schildern sehr treffend den wissenschaftlichen Alltag zwischen viel Geduld, Durchhaltevermögen, Misserfolg und Erfolg. Auch seine ersten Kämpfe mit der Bürokratie und anderen Wissenschaftlern malen ein realistisches Bild von der herrschenden Forschungspolitik.

Viele weitere bürokratische Schlachten folgen als er an das National Institute of Health – dem "Himmel der Wissenschaft" und der "Hölle der Bürokratie" wechselt. Dort begegnet er auch erstmals seiner großen Liebe: der Genomforschung. "Mein erster Kontakt mit dem Code des Lebendigen machte mir Appetit auf mehr." Und diesen Appetit stillt er, indem er zielstrebig und unermüdlich diesen Forschungszweig vorantreibt und neue Techniken wie die Schrotschusssequenzierung- entwickelt, um die Buchstabenfolge der DNA zu entschlüsseln.

"Der Gedanke, das Genom des Mensch zu sequenzieren, wurde zu jener Zeit von den meisten, die sich dazu äußerten, für unmöglich oder falsch erklärt, [...]". Doch Craig Venter glaubt an das Unmögliche – und gerade das macht das Buch spannend. Obwohl es von Seiten der Presse und Konkurrenten Kritik hagelt, er zum "bösen Buben" der Genomforschung stilisiert wird und sich mit zahlreichen technischen Problemen herumschlagen muss, verliert er sein Ziel nicht aus den Augen. Vor allem der Konflikt mit dem Nobelpreisträger James Watson und den staatlichen Instituten eskaliert als Venter sein eigenes unabhängiges Forschungsinstitut Celera gründet und ein Streit um die Patentierung von Genen losbricht.

Leider schwindet hier der Lesespaß einige Male auf Kosten der historischen Genauigkeit, wenn Antrag auf Antrag folgt und bürokratische Abläufe genau beschrieben werden. Nach solch trockenen und langwierigen Passagen, freut man sich oft genau wie Venter, wenn es endlich voran geht.

Und es geht "vorwärts wie im Flug" bis zum 26. Juni 2000 – der Veröffentlichung des gesamten menschlichen Genoms durch Venter und sein Team – dem Höhepunkt seiner Karriere

Die Bedeutung seines Erfolgs untermauert der Autor in seiner Biographie sehr interessant durch die Analyse seines eigenen Genoms. In zahlreichen Exkursen untersucht er seine Gene auf schädliche oder hilfreiche Veränderungen und lotet so sein Risiko für bestimmte Erkrankungen aus – ohne Angst vor Datenschutz.

Der Inhalt von "Entschlüsselt! Mein Genom – mein Leben" steht vielleicht charakteristisch für sein Leben als Vollblutforscher: Viel Wissenschaft, wenig Privates. Und so ist das Buch wie die Wissenschaft selbst: manchmal langwierig und zäh, manchmal packend und spannend. Vor allem aber ein Buch über einen charismatischen und unterhaltsamen Wissenschaftler und einen spannenden Wettlauf um die Sequenz unserer DNA.

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