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Ein schöner Buchrücken kann auch entzücken

Wer Tag für Tag so wie ich für gefräßige halbwüchsige Söhne leckeres Essen pünktlich auf den Tisch zaubern muss, dem können schon ab und zu die Ideen für neue Geschmackserlebnisse ausgehen. Um nicht im Einerlei zwischen Spaghetti Bolognese und Tiefkühl-Pizza zu versinken, lohnt sich vielleicht ein kulinarischer Ausflug auf die Wiese am Stadtrand. Kochen mit Wildkräutern ist ja mittlerweile sogar bei Spitzenköchen beliebt.

Das Buch "Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen" von Steffen Guido Fleischhauer könnte mich als gestresste Alltagsköchin vielleicht inspirieren – dachte ich und schnappte mir den Schmöker. 400 ausgezeichnete Pflanzenfotografien zieren die 416 Seiten der vierten überarbeiteten Neuausgabe des Werks. Allerdings zeigt mir schon der Blick auf die Bildunterschriften, dass ich offensichtlich nicht zur Zielgruppe für dieses Buch zähle: Es sind ausschließlich die wissenschaftlichen Namen der Pflanzen aufgeführt, so dass ich als Diplomgeografin ohne Fachkenntnisse in Botanik zunächst nicht weiß, ob ich von dieser Pflanze schon einmal etwas gehört habe oder nicht.

Aber fangen wir vorne an: Nach einer kurzen Einführung in das Thema gibt der Autor einen Überblick über Inhaltsstoffe und Giftigkeit der Pflanzen. Die zwanzig Jahre alten Daten zu den Inhaltsstoffen von Kultur- und Wildpflanzen sind für ein Buch, das neu aufgelegt wurde, erstaunlich alt – zumal mittlerweile bekannt ist, dass sich die Vitamingehalte von Kulturpflanzen in den letzten Jahren stark verändert haben.

Im Hauptteil des Buches sind sämtliche 1500 Pflanzen aufgeführt, die in Mitteleuropa als essbar bekannt sind – und zwar alphabetisch nach ihren botanischen Namen. Wer nur die deutschen Namen kennt, muss sich über ein Register im Anhang weiter helfen. So sortiert stehen zwar die Pflanzen einer Gattung zusammen, nicht aber die Pflanzen einer Pflanzenfamilie. Auch das erschwert dem Leser ohne Kenntnis der botanischen Systematik die Orientierung, da viele Menschen Pflanzenfamilien wie Doldengewächse öder Lippenblütler durchaus kennen.

Zu jeder Pflanze gibt der Autor Hauptblütezeit sowie Hinweise zum Standort und zur Verwendung als Genuss- oder Nahrungsmittel an. Rezepte sucht man bei den Pflanzenbeschreibungen allerdings vergeblich. Sie sind am Ende des Buches aufgeführt, und dort auch nur als Grundrezepte. Der Autor listet dafür aber bei jeder Pflanze ausführlich auf, in welchen Publikationen er gute Rezepte entdeckt hat. Als Leserin, die etwas kochen will, bringt mich das allerdings nicht weiter, da ich diese Bücher leider nicht zu Hause habe. Und wenn ich zum zehnten Mal lese, dass diese oder jene Art "aufgrund ihrer Bestandsgefährdung oder Unterschutzstellung von der Wildsammlung ausgenommen ist", kommt mir der Gedanke, wie wohl der Shortcut für dieses Satzmonster im Schreibprogramm des Autors heißen mag?

Das Schmökern in diesem Buch macht ohnehin wegen der lieblosen Sprache überhaupt keinen Spaß, und nach einiger Zeit frage ich mich ernsthaft, welcher Leser daran seine Freude haben könnte. Die "Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen" liest sich wie eine Liste von über viele Jahre hinweg gesammelte Notizen, die durch das Labyrinth eines privaten Bücherregals führen – das Regal des Autors eben. Für Hobbyköche und Stöberer ist das eine herbe Enttäuschung.

Allerdings muss man Steffen Guido Fleischhauer tu Gute halten, dass er dieses Buch für Umweltpädagogen, Gärtner und Gartengestalter konzipiert hat. Ihnen ist die Pflanzensystematik bekannt und möglicherweise fehlen ihnen auch die Rezepte gar nicht, die ich bei den Pflanzenbeschreibungen vermisst habe, da sie nicht ständig kochen müssen. Das überlassen sie vielleicht dem Koch, der die Kräuter des von ihnen angelegten Gartens dann für seine Haute Cuisine einsetzen kann. Hoffentlich hat dieser dann wenigstens gute Rezepte, denn Steffen Guido Fleischhauer liefert sie nicht.

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