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Der Führerschein zu den Sternen

Einen Führerschein ohne Prüfung? Das gibt es nur beim Oculum-Verlag. Zum Glück wird der glückliche Besitzer nicht in den gefährlichen Straßenverkehr gelassen. Solch irdische Belange kümmern ihn auch herzlich wenig. Das Teleskop ist sein "Beförderungsmittel" – es soll ihn näher zu den Sternen bringen – und sein "Lappen" heißt "Fernrohr-Führerschein". Das gleichnamige Buch von Ronald Stoyan verspricht dem Astro-Einsteiger in nur vier Schritten zum erfolgreichen Himmelsbeobachter zu werden. Das klingt einfach. Aber ist es das auch? Bekanntlich haben vergleichbare Aktionen (Kochrezepte, Diäten, Strickmuster) ihre Tücken.

Ein "nullter" Schritt wird allerdings, wie der Untertitel verrät, vorausgesetzt: Ein Fernrohr sollte schon vorhanden sein. Bevor es ungenutzt herumsteht, sollte man es besser kennen lernen. Das ist Inhalt von Schritt 1. Der stolze Besitzer wird darüber aufgeklärt, um was es sich bei seinem Teleskop handelt: Ist es ein Refraktor oder ein Reflektor, hat es eine azimutale oder parallaktische Montierung? Selbst wer (versehentlich) ein "Galileisches Fernrohr" erstanden hat, ist nun im Bilde. Aufbau und Technik von Teleskopen werden erklärt, mit verständlichem Text und anschaulichen Bildern und Grafiken. Behandelt wird auch Zubehör wie Sucher, Nachführung, Okulare, Filter und Kameras. Auch die Navigationshilfe "Goto" fehlt nicht (für Kartenlesemuffel).

Was hat der "Fahrschüler" im ersten Schritt gelernt? Eigentlich nichts, was er nicht schon vorher – also vor dem Teleskopkauf – hätte wissen sollen. Im Ernst: Hier wäre es besser, von Informationen zu sprechen, die ihn in die Lage versetzen, das passende Gerät anzuschaffen. Insofern ist der Untertitel etwas irreführend. Das erste Kapitel ist also hauptsächlich eine gute Einführung in das Thema "Teleskop".

Im zweiten Schritt geht es darum, die Fernrohrleistung einzuschätzen. Das "Auto" steht also vor Tür und man will jetzt wissen, was es technisch bietet, und wie schnell es fährt. Die typische Frage lautet "Wie weit kann man mit dem Teleskop sehen?". Das wird (weil sinnlos) auch hier nicht beantwortet. Ersatzweise geht es um wichtigere Dinge wie Öffnung, Lichtsammelvermögen und Grenzgröße. Insbesondere für die visuelle Beobachtung bedeutsam sind Austrittspupille und Auflösungsvermögen. Der Leser erfährt auch etwas über die Qualität der Optik, deren Justage und Pflege. Am Ende von Schritt 2, sollte man "theoretisch" fahren können. Über die Qualitäten des Geräts wurde jedenfalls ausreichend informiert.

Was fehlt ist allein die Praxis – und hier beginnen bekanntlich die Probleme. Aufsuchen (und auch finden) ist ähnlich schwierig wie "nach Karte navigieren" oder "rückwärts einparken": Alles eine Frage der richtigen Orientierung! Die Sternkarte liegt nicht so wie der Himmel, das Sucherbild ist seitenverkehrt, das Teleskop zeigt die Dinge auf dem Kopf stehend – und alles noch in unterschiedlichen Maßstäben (Vergrößerungen). Ohne geduldige Anleitung verzweifeln hier anfangs alle – egal ob Mann oder Frau. Schritt 3 ("Das Fernrohr benutzen") verspricht stressfreie Abhilfe. Beruhigend wirkt zunächst die Abenddämmerung. Bevor es endgültig dunkel wird, sollten aber einige Fragen geklärt sein: Wo und wie sollte man sein Teleskop aufstellen? Was kann beobachtet werden? Ist die Ausrüstung komplett? Kaum jemand wird das Fernrohr vergessen. Es gibt aber viele Dinge, die einem die Nacht verderben können, wenn sie fehlen. Das reicht von Okularen, Karten oder der Taschenlampe bis hin zu Handschuhen, heißen Getränken und einem Butterbrot. Wer schon einmal richtig am Teleskop gefroren hat, wird dies bestätigen. Der Spaß am Beobachten geht schnell gegen Null.

Mond und helle Planeten sind bekanntlich leicht zu finden, aber was ist mit schwachen Nebeln? Die gängigen Methoden, wie etwa das klassische "Starhopping", werden ausführlich erläutert. Gleiches gilt für das direkte/indirekte Sehen und Zeichnen. Abschließend gibt es eine kurze Einführung in die Astrofotografie. Wer das Buch, geschrieben von einem erfahrenen Amateurastronomen, aufmerksam studiert, kann zum erfolgreichen Beobachter werden. Allerdings sind viel Geduld und Sorgfalt gefragt – allein sich mit dem bloßen Auge am Nachthimmel zurechtzufinden, braucht viel Zeit.

Der letzte Schritt ist den Objekten gewidmet. Hier geht es klassisch vom Sonnensystem mit Sonne, Mond, Planeten und Kometen zum "Deep Sky", dem weit entfernten Terrain der Sterne, Sternhaufen, Nebel und Galaxien. Zu allen Zielen gibt es physikalische Erläuterungen und Beobachtungshinweise. So wird, wie üblich, vor den Gefahren der Sonnenbeobachtung gewarnt. Deep-Sky-Objekte werden nur beispielhaft behandelt wie etwa der Veränderliche Stern Algol, der farbige Doppelstern Albireo, die Plejaden, der Ringnebel in der Leier, der Orionnebel oder die "Strudelgalaxie" M 51 in den Jagdhunden.

Ein Anhang mit Tipps zur Verbesserung des Teleskops, Literatur, astronomischen Ereignissen und Objektdaten rundet das Buch ab. Auch Schablonen zur Zeichnung von Mars, Jupiter und Deep-Sky-Objekten fehlen nicht. Die Spiralbindung ist praktisch, nur der gefaltete Umschlag stört etwas.

Ist man nun fit für die erfolgreiche Beobachtung? Jedenfalls suggeriert der "Fernrohr-Führerschein in 4 Schritten" einen bequemen Weg dazu. Aber Vorsicht: So einfach und schnell wie es klingt, geht es nicht. Theorie und Praxis können sich bekanntlich gewaltig unterscheiden, gerade in einem alltagsfernen Gebiet wie der nächtlichen Himmelsbeobachtung. Schon bei geführten Veranstaltungen kommen Leute in kurzen Hosen und erwarten eine Art "Planetarium". Die Realität ist leider kalt und dunkel. Der romantische Wunsch des Einsteigers, den Kosmos mit eigenen Augen zu erleben, reicht allein nicht aus: Vor allem Wissen und Ausdauer sind gefragt. Wie oft stehen teure Fernrohre nach einigen frustrierenden Versuchen ungenutzt herum. Hier kann Ronald Stoyans Buch Abhilfe schaffen. Die "Führerscheinprüfung" findet am Himmel statt – probieren Sie es aus!
15.08.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.08.2008

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