»Insekten – Helden im Verborgenen«: Bianca, Gloria und wir

Haben Sie schon mal ein Glühwürmchen aus nächster Nähe betrachtet? Wussten Sie, dass auch Glühwürmcheneier leuchten? Und dass Insekten – im Gegensatz zu den Dinosauriern – den Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren überlebt haben? Das und noch viel mehr vermittelt der Dokumentarfilm »Insekten – Helden im Verborgenen« von Nepomuk Pfaff, der unter anderem in Zusammenarbeit mit dem WWF entstanden ist und jetzt in die Kinos kommt.
Der Film entführt uns in den Mikrokosmos der Insekten. Er startet mit einem Blick in den Weltraum und schwenkt dann auf den Erdboden, wo wir Zuschauer uns auf Augenhöhe mit den Tieren wiederfinden und die Reise in eine Welt antreten, die seit 480 Millionen Jahren besteht. Faszinierende Aufnahmen mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven zeigen sie in Großaufnahmen – der Zuschauer wird zum Teil der Insektenwelt. Begleitet wird er dabei von der Stimme der Schauspielerin Katharina Thalbach. Inhaltlich steht das Zusammenleben von Menschen und Insekten im Zentrum. Beispiele aus der Landwirtschaft zeigen, dass es durchaus Wege zu einer gelingenden Koexistenz gibt und es keineswegs immer heißen muss: ›entweder Menschen oder Insekten‹.
Ambivalente Direktheit
Gegliedert ist der Film – wie ein Buch – in einzelne Kapitel. Los geht es mit der Geburt, dann werden einzelne Aspekte in der Entwicklung der Insekten beleuchtet (Bestäubung, Nahrungskette oder Nährstoffkreislauf). Anschließend richtet sich der Blick auf den Menschen und die Frage, wie funktionierende Kompromisse zwischen dem Homo sapiens und seiner Umwelt aussehen könnten. Schließlich widmet sich der Film der Metamorphose, also Prozessen von Entwicklung und Zerstörung.
In jedem Kapitel führen faszinierende Aufnahmen die Zuschauer zu einzelnen Insekten, etwa zu »Bianca«, der Furchenbiene, die Teil der Nahrungskette der Vögel ist, oder zu Glühwürmchen »Gloria«, das wir dabei begleiten, wie es seinen Partner findet. Zur unmittelbaren Wirkung der Beispiele trägt bei, dass Erzählerin Katharina Thalbach die Zuschauer immer wieder auch als Vertreter ihrer Spezies anspricht: »Du arbeitest gegen die Natur.« So ergibt sich eine Nähe, getreu dem Motto ›Man schützt nur, was man kennt‹. Mitunter wirkt diese Form der Ansprache aber etwas anmaßend – wenn etwa der Eindruck entsteht, die Erzählerin sei allwissend und könne auch über das (ihr de facto natürlich unbekannte) Verhalten der Zuschauer richten.
Aus der Nähe und im Zeitraffer
Alles in allem wird der gesprochene Text aber maßvoll eingesetzt, oft genug lässt der Film seine Bilder für sich sprechen. Dabei macht sich bezahlt, dass die Macher auch auf Expertise von außen gesetzt haben. So gibt es faszinierende Aufnahmen von Stefan Diller, dessen Elektronenmikroskop uns den Farben von Schmetterlingsflügeln ganz nah sein lässt. Jamie Scott hat wunderschöne Zeitrafferaufnahmen sich öffnender Blüten beigesteuert. Aber auch das Team um Regisseur Nepomuk Pfaff liefert atemberaubende Aufnahmen der Insekten – und verzichtet dabei dezidiert auf den Einsatz KI-generierter Filmsequenzen. Die meisten Passagen sind eher unaufgeregt geschnitten, dennoch vermittelt der Film den Ernst der Lage überzeugend. Untermalt wird das Ganze von passender, stimmungsvoller Musik.
Eindrücklich zeigt »Insekten – Helden im Verborgenen«, wie Menschen in natürliche Prozesse eingreifen und so maßgeblich für das Insektensterben und den Biodiversitätsverlust verantwortlich sind. Hoffnungsvoll stimmen die Berichte von Landwirten aus verschiedenen Biosphärenregionen Deutschlands, die belegen, dass Landwirtschaft sehr wohl mit Biodiversität und dem Schutz von Insekten vereinbar sein kann. Dazu präsentiert der Film zwar keine komplett neuen Einsichten, illustriert Bekanntes jedoch mit einer schönen Geschichte. Der Kinobesuch lohnt sich allein schon aufgrund der vielen faszinierenden Aufnahmen aus der Insektenwelt. Der Film eignet sich für Zuschauer jeden Alters (FSK: ab 0 Jahren).
Ein spannender Aspekt ist auch, dass »Insekten – Helden im Verborgenen« in seinen 88 Minuten viele Erkenntnisse aus Naturschutzprojekten vermittelt. So ist der Film auch das Ergebnis einer Kooperation mit dem WWF und insbesondere dem von ihm geleiteten Verbundprojekt »BROMMI«, in dem »Biosphärenreservate als Modelllandschaften für den Insektenschutz« dienen. Auch das Projekt »Mediasphere For Nature« des Museums für Naturkunde in Berlin sowie »Ackergifte? Nein Danke!« vom »Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft« haben zum Gelingen des Films beigetragen.
Insgesamt ist ein Dokumentarfilm entstanden, der im Gedächtnis bleibt, weil er die enorme Bedeutung der Insekten für unsere Welt sinnlich erfahrbar macht. Und er endet, wie er begonnen hat – mit dem Blick aufs große Ganze: Wir verlassen den Mikrokosmos von Bianca, Gloria und all den anderen Insekten und schauen – in die Sterne.
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