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"All" umfassendes Werk

Ein "All umfassendes" Werk – das hat nun Paul Murdin, Professor am Institute of Astronomy in Cambridge, abgeliefert: eine faszinierende Mischung aus moderner Astrophysik und Geschichte. In sechs Kapiteln werden insgesamt 65 bedeutende Entdeckungen behandelt. Ein großes Plus sind die hervorragenden Abbildungen mit ihrem Mix aus historischen Darstellungen, Zeichnungen, Porträts und modernen Aufnahmen.

Das große Format des Buchs wird dazu mit seinem harmonisches Layout sehr gut genutzt. Ebenso gelungen ist die Gliederung der Themen; die Ordnung ist teils chronologisch, teils sachbezogen. Eingestreute Zitate beleben den flüssig geschriebenen Text, der neben Fakten auch viele interessante Anekdoten enthält. Man erfährt viel über Personen, Teleskope, Sternwarten und Beobachtungsmethoden. Den 65 Entdeckungen sind jeweils etwa drei Seiten gewidmet, deren Texte in sich abgeschlossen sind, so dass man sie folglich auch separat lesen kann. Viele Themen, wie etwa Schwarze Löcher, erscheinen mehrfach – immer wieder unter neuen Aspekten.

Murdin beginnt mit den "Entdeckungen ohne Teleskop". Hier geht es um Sonne, Planeten, Sterne und Sternbilder sowie das antike Bild der Milchstraße. Sehr schön wird der Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild beschrieben. In "Entdeckungen im Sonnensystem" kommt das Fernrohr ins Spiel mit Abschnitten über Herschels Entdeckung des Uranus, die Berechnung und Auffindung des Neptun oder die Geschichte Plutos. In "Entdeckungen im dynamischen Universum" geht es anschließend um die Theorien von Newton und Einstein: ein Exkurs über Gravitation, Relativität bis hin zu Schwarzen Löchern. Im vierten Kapitel werden "Entdeckungen in unserer Galaxis" behandelt. Zentrale Themen sind die Entfernung von Sternen, ihre Entstehung aus interstellarer Materie und weitere Entwicklung bis hin zu den Endphasen (Weißer Zwerg, Supernova).

Das folgende Kapitel, "Entdeckungen im Universum und seinen Galaxien", konzentriert sich auf die Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts: Was sind Galaxien und Quasare? Wie ist das Universum entstanden und was bedeutet die Kosmische Hintergrundstrahlung? Murdin schließt mit einem Blick auf "Zukünftige Entdeckungen", wo er Fragen nach der Dunklen Materie, Dunklen Energie, Gravitationswellen bis hin zum Leben im Universum stellt. Ein Glossar, ein Register und ein Literaturverzeichnis runden das Werk ab.

Das Buch ist eine gelungene Übersetzung der kurz vorher erschienenen englischen Ausgabe, und nur gelegentlich tauchen fremdartige Ausdrücke wie "Planetennebel" statt "Planetarischer Nebel" oder "Spektroskopen" statt "Spektroskopiker" auf. Einige Fehler dürften zudem schon im Original vorhanden sein: So zeigt Lord Rosses Zeichnung auf Seite 235 nicht den "Krebsnebel" M 1, sondern die Galaxie M 33. Herschels Darstellung der Milchstraße als Balken mit Ring Seite 190 wird irrtümlich Thomas Wright zugeschrieben. Und etwas missverständlich ist die Formulierung von Einsteins Relativitätsprinzip aus dem Jahr 1905: "Alle Naturgesetze haben die gleiche mathematische Form"; werden also das Hebelgesetz und das Brechungsgesetz durch die gleiche Formel beschrieben? Besser wäre: "In allen gleichförmig gegeneinander bewegten Systemen gelten die gleichen Naturgesetze".

Der Autor wiederholt zudem leider auch die Legende von Galileis Fallversuchen vom Schiefen Turm von Pisa. Ebenso wird die gängige, aber nicht belegte Ansicht zitiert, Herschel hätte seine "planetary nebulae" nach dem Aussehen von Uranus benannt. Murdin behauptet, sein erster Fund (NGC 7009) "erinnerte ihn an den Planeten Uranus". Falsch ist auch, dass Herschel NGC 6543 im Jahr 1790 beschrieb als "höchst außergewöhnliche Erscheinung! Ein Stern mit schwach leuchtender, kreisförmiger Atmosphäre". In der Tat war er fasziniert von der Kombination aus Nebel und Zentralstern – seine Aussage bezieht sich aber auf NGC 1514 im Stier.

Trotz dieser Fehler und Ungenauigkeiten ist Murdins Buch mit seinen 340 Seiten ein Genuss. Es ist für Einsteiger und Fortgeschrittene gleichermaßen interessant. Bilder, Aufmachung und Text sind einfach gelungen. Eine umfassende, niveauvolle Darstellung "Wie der Mensch den Kosmos entdeckte – von den ersten Mondbeobachtungen bis zur Dunklen Materie".
49. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 49. KW 2009

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