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Mit dem Hirn per Du

Na, das ist doch mal was anderes, dachte ich, als ich dieses Buch zum ersten Mal in die Hand nahm: Auf dem Einband prangt ein comicartig gezeichnetes Gehirn, das verschmitzt aus einer Fruchtblase grinst. Auch das Inhaltsverzeichnis präsentiert sich jund und dynamisch. Statt komplizierter Kapitelüberschriften dominieren prägnante Sprüche wie »Kleinhirn ganz groß« oder »Ich bin ganz Ohr«.

Das Buch des Kinderpsychiaters Gunther Moll, des Hirnforschers Ralph Dawirs und der Wissenschaftsjournalistin Svenja Niescken versucht in möglichst einfachen Worten das komplizierte Wissen der Entwicklungsneurobiologie zu vermitteln. »Hallo, hier spricht mein Gehirn« beschäftigt sich mit der verwirrende Choreografie neuronaler Botenstoffe, mit geheimnisvollem Zellwachs- und Zellwandertum und den möglichen Wechselwirkungen zwischen unzähligen Neuronen. Nicht zu vergessen der Einfluss der Umwelt auf dieses sensible Spiel!

Dabei vollziehen sich die meisten neuronalen Entwicklungsschritte auch noch in sehr begrenzten Zeitfenstern, in denen der Körper die Weichen für das spätere Gedeihen stellt. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, bewegen sich die Zellen des Embryos zur richtigen Zeit an den richtigen Platz, bilden sich Stirn-, Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptslappen heraus. Werden diese Abläufe während der Schwangerschaft etwa durch Nikotin oder Alkohol gestört, droht das System aus den Fugen zu geraten.

Nicht nur die geistige Leistungsfähigkeit leidet dann, auch das durch den Mandelkern beeinflusste emotionale Gleichgewicht und die künftigen sozialen Fähigkeiten können beeinträchtigt werden. Ist der entscheidende Zeitpunkt verstrichen, lässt sich Versäumtes unter Umständen nie mehr nachholen. Damit die Genese des Gehirns ohne Komplikationen vonstatten geht, braucht es also ein kleines bisschen Glück und viel Verantwortungsbewusstsein der werdenden Eltern. Und ist die Geburt gut überstanden, bekommt das Wissen von Mama und Papa für Babys Entwicklung unschätzbaren Wert. Denn die im Gehirn angelegten Möglichkeiten müssen richtig genutzt werden.

So etwa beim Gehör: Zwar kann der Fötus mit sechs Monaten schon recht gut lauschen und deshalb auch die Stimme der Mutter unter allen anderen heraushören. Die Feinabstimmung erfolgt allerdings erst außerhalb des Mutterleibs. Und so stellen sich dem kleinen Menschenkind viele Herausforderungen, bis alles läuft wie bei den Großen – es muss unzählige Male auf die »Potüte« fallen, bis das Laufen klappt, sich den Brei ins Gesicht schmieren, bis der Löffel im Mund landet, und Konflikte mit Gleichaltrigen bestehen, bis die soziale Kompetenz zum Klassensprecher reicht. Welche Leistungen des Gehirns dahinterstecken, versteht man leichter, wenn man sich auf dieses wohltuend klar und einfach geschriebene Selbstgespräch eines entstehenden Gehirns einlässt. Das daraus resultierende Wissen steht übrigens auch einem erwachsenen Gehirn gut an.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 9/2006

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