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Elektrische Schläge statt Küsse

"Alzheimer durch Computer?", "Gefahr aus der Steckdose", "Wenn Strom krank macht", "Mit dem Handy kam die Angst". Solche Schlagzeilen zeigen, dass viele Menschen sich latent vor dem Einfluss von Sendemasten, Hochspannungsleitungen, Elektronikgeräten oder Mobiltelefonen fürchten. Das ist im Prinzip nachvollziehbar: All diese Konstrukte erzeugen um uns herum ein "Funkfeuer" von elektrischen und magnetischen Feldern, dem wir permanent ausgesetzt sind und das es in der natürlichen Umgebung nicht gibt. Die Frage drängt sich geradezu auf, ob diese Felder unserer Gesundheit schaden.

Roland Glaser, 30 Jahre lang Professor für Biophysik an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2000 im Ruhestand, ist zweifellos sachkundig. Er hat zahlreiche Fach- und Lehrbücher zu Biophysik und Biologie verfasst und das Bundesamt für Strahlenschutz ebenso wie die Forschungsgemeinschaft Funk in Bonn als Experte für die Wirkung elektromagnetischer Felder auf den menschlichen Organismus beraten. Sein Buch behandelt die wissenschaftlichen Grundlagen; es informiert über gesundheitliche Risiken und die Therapiemöglichkeiten elektromagnetischer Felder.

Das Sortiment der Themen ist bunt gemischt: elektrische Felder in Zellen und Organismen, Methoden der Elektromedizin, Magnetsinn bei Tieren, elektrische Fische, atmosphärische Entladungen wie Blitze und Elmsfeuer, Risiken des Mobilfunks, elektrische Felder in der Biotechnologie, das Phänomen der Wünschelrutengänger.

Auf die Frage, ob die immer wieder geschürte Angst vor "Elektrosmog" gerechtfertigt ist, antwortet der Autor mit einem klaren Nein. Wissenschaftlich gesehen sei eigentlich klar, dass unterhalb der geltenden Grenzwerte keine nachweisbaren Gefahren durch solche Felder lauern.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum, ist fachkundig geschrieben, interessant und unterhaltsam. Es ist in kompakte, übersichtliche Kapitel gegliedert, die in die Kategorien "magnetisches Feld", "elektrisches Feld" und "elektromagnetische Schwingungen und Pulse" eingeordnet sind. Zahlreiche Verweise auf die Fachliteratur belegen eine gründliche Recherche.

Immer wieder präsentiert Glaser erstaunliche Forschungsergebnisse, etwa im Kapitel über elektrische Fische. Ein Hai kann elektrische Felder von wenigen Mikrovolt pro Meter spüren. Das entspricht einer 1,5-Volt-Batterie, deren Pole tausend Kilometer voneinander entfernt ins Meer getaucht werden! "Gäbe es nicht … bestätigende Messungen, der Biophysiker könnte seine Zweifel nicht zurückhalten."

Der Text enthält viele geschichtliche Rückblicke sowie Zitate aus Literatur und Philosophie – für ein wissenschaftliches Buch ungewöhnlich, doch hier sehr nützlich. So beschreibt Glaser, wie Elektrizität und Magnetismus entdeckt wurden und welche geheimnisvollen Kräfte man ihnen zuschrieb. Noch Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler glaubten, der Magnetismus sei ein seelisches Prinzip, das alle Körper durchdringe und sogar das Planetensystem zusammenhalte. Solche Vorstellungen waren jahrhundertelang verbreitet und finden sich heute noch in esoterischen Heilmethoden wieder. Aus ihnen erklärt sich wohl zum Teil die Furcht vor "Elektrosmog" und "Störfeldern "

Der Rückblick fördert auch Amüsantes zu Tage. Ein beliebter Zeitvertreib im 18. Jahrhundert war die "Venus electrificata", eine Dame, die elektrostatisch aufgeladen auf einer isolierenden Schaukel saß und verwegenen Kavalieren statt süßer Küsse elektrische Schläge erteilte.

Hin und wieder erfordert der Text naturwissenschaftliche Vorkenntnisse, und an manchen Stellen vermisst man erläuternde Abbildungen. Insgesamt ist "Heilende Magnete – strahlende Handys" jedoch ein empfehlenswertes Buch.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 3/2009

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