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Im Grenzgebiet der Disziplinen

Der Siegeszug der Neurowissenschaften beeinflusst unser Menschenbild: In einem gemeinsamen Manifest (siehe G&G 6/2004, S. 30) beanspruchten führende Hirnforscher, durch empirische Studien Erklärungen für subjektive Phänomene wie Bewusstsein und Willensfreiheit liefern zu können, die oft im Widerspruch zu den klassischen philosophischen oder theologischen Annahmen stehen. Der vorliegende Sammelband behandelt die Frage, ob dieser Anspruch gerechtfertigt ist. Ist das Ich nur eine Konstruktion des Gehirns? Sind wir selbst für unsere Handlungen verantwortlich, oder ist der freie Wille eine Illusion? Und welche Konsequenzen haben neurowissenschaftliche Befunde für unser Selbstbild?

Hierzu nehmen renommierte Hirnforscher, Philosophen und Religionswissenschaftler Stellung. Die Herausgeber selbst haben von Haus aus eine geisteswissenschaftliche Perspektive: Tobias Müller als promovierter Philosoph an der Universität Mainz, Thomas M. Schmidt als Professor für Religionsphilosophie an der Universität Frankfurt.

Die meisten Aufsätze drehen sich um die Frage, ob sich das menschliche Bewusstsein vollständig durch neuronale Prozesse und Eigenschaften erklären lässt. Vor allem der Neurobiologe Wolf Singer bejaht diese These: Auf der Grundlage empirischer Befunde spekuliert er, dass Bewusstsein durch die Synchronisation neuronaler Aktivität im Gehirn entstehe. Dagegen wenden Philosophen wie Jürgen Habermas oder Philip Clayton ein, dass neurobiologische Theorien nicht alle Eigenschaften des menschlichen Geistes erklären können und dass die Neurowissenschaften keineswegs eine Revision unseres Selbstbilds erzwingen. Die meisten Argumente sind allerdings schon aus ihren früheren Arbeiten bekannt.

Spiritualität im Gehirn Neben diesen bereits viel diskutierten Themen behandelt der Band auch weniger bekannte Fragen etwa zu den neurona­len Grundlagen spiritueller Emp­fin­dun­gen. Welche Hirnregionen sind aktiv, wenn Menschen meditieren oder religiöse Erfahrungen machen? Welche Konsequen­zen für unser Religionsverständnis ergeben sich aus experimentellen Studien, bei denen sich spirituelles Erleben durch ­Manipulation der Hirnaktivität induzieren ließ? Die kritische Diskussion solcher Befunde gehört zu den Höhepunkten des Sammelbands, gerade auch weil die Erforschung von religiösen Erfahrungen häufig noch als unwissenschaftlich abgetan wird. Dass dieser Vorwurf nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich etwa, wenn der Reli­gions­wissenschaftler Michael von Brück die Ablehnung einer zentralen Ich-Ins­tanz in der Neurobiologie mit buddhis­tischen Einheitserfahrungen verbindet. Hier wäre eine weniger spekulative Deutung der Befunde angebracht gewesen.

Insgesamt bietet der Band ein ausgewogenes Spektrum von Themen und Positionen. Die Vielfalt hat jedoch ihren Preis: Die Aufsätze beziehen sich nur wenig aufeinander. So verteidigen beispielsweise einige Philosophen die Idee der Willensfreiheit, ohne dass Hirnforscher in ihrer Argumentation darauf eingehen.

Leider taugt der Band auch nicht als Einführung in die Thematik: Leser ohne philosophisches Vorwissen dürften sich schwertun, die teils komplexen sprachphilosophischen Argumente nachzuvollziehen. Noch dazu kommt auf Grund des trockenen Stils nur selten Lesefreude auf. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann sich in diesem Band gut über unterschiedliche Positionen zum Thema Bewusstsein informieren. Neue Impulse für die Debatte dürfte er jedoch nicht finden.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 11/2011

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