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Verklettert im Baum der Erkenntnis. Michael Larsens Wissenschaftsthriller "Im Zeichen der Schlange"

„Schaudern“ des Lesers und „Durchdringen“ konkreter und abstrakter Räume verbergen sich hinter der englischen Bezeichnung „Thriller“ — und genau diese Doppelstrategie ist das anspruchsvolle Konzept von Michael Larsens neuem Roman.Auf der einen Seite steht ein erschreckendes, scheinbar unentwirrbares Gespinst um Menschenversuche und rätselhafte Tote: Eine Frau wird mit einem Schlangenbiss in ein Krankenhaus eingeliefert, stirbt und flüchtet Augenblicke später. Die behandelnde Ärztin erhält kurz darauf Gehirnscans eines Unbekannten, der offenbar schizophren ist, obwohl er dafür eigentlich noch viel zu jung sein müsste. Drei Menschen sterben bei einem Unfall, der vielleicht kein Unfall ist, und es gibt auch nur zwei Leichen. Dafür gibt es aber noch mehr Tote auf dem Weg zur Lösung des Spiels um ein telepathiebegabtes Mädchen ...Und während sich all dies schließlich doch zu einer sinnvollen Geschichte fügt, zeigt sich als Grund des eigentlichen Schauderns die andere Seite des Romans: die Durchforstung der Geschichte menschlichen Wissens — die sich als immer verwickeltere Geschichte des Nicht-Wissens entpuppt.Larsen legt seinen Wissenschaftsroman als gegenläufige Doppelreise durch fiktive Welt und „historische“ Wissenschaft an — ein wenig lässt „Fräulein Smilla“ von Peter Hoeg grüßen, sehr herzlich in jedem Fall Jostein Gaarders „Sophies Welt“ und deren Nachwehen. Doch so gelungen Story und Konstruktion sind, so sehr schießt der Autor in den wissenschaftlichen Passagen über das Ziel hinaus: Keine Situation ist zu spannend, um nicht von seitenlangen Reflexionen über Schlangengifte, Quallen, Quantentheorie oder die Sieben Weltwunder unterbrochen zu werden; kein Fachterminus erscheint zu abgelegen. Dabei tragen die Exkurse keinesfalls immer die Handlung. Nicht alle sind wirklich zuverlässig. Einige lassen den Leser so klug zurück, wie er ohnehin war. Was etwa die Epicykeltheorie besagt, weiß er entweder vorher schon oder nach deren bloßer Nennung immer noch nicht.Dass all diese Reflexionen aus dem Kopf der attraktiven, unaufhaltsamen, kampf- und tauchsporterfahrenen Super-Heldin stammen sollen, ist vielleicht nur als Augenzwinkern des Romans zu werten. Fragwürdig wird der Wissensgrößenwahn aber in belehrenden philosophischen Passagen, in denen unterschiedliche Lebensentwürfe in genau der gleichen Arroganz diskreditiert werden, die der Roman der Wissenschaftsgeschichte zu Recht immer wieder zum Vorwurf macht.Trotzdem — insgesamt ein unterhaltsames Verwirrspiel aus Rätseln und vermeintlichen Lösungen ...

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