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Stadtführung einmal anders

Lässt sich auch im Siedlungsraum die biologische Vielfalt entdecken? Aber ja, denn Städte sind ausgezeichnete Lebensräume, nicht nur für uns Menschen, sondern auch für eine erstaunlich gut angepasste Fauna und Flora. Parkanlagen, Stadtwälder und Gärten, aber auch Gebäude und Brücken, sogar Baustellen, Industriebrachen und Straßenränder – die Lebensräume in der Stadt sind sehr heterogen. und das ist besonders wichtig für die Artenvielfalt. Denn so unterschiedlich die Nischen zum Leben, so verschieden sind ihre tierischen und pflanzlichen Bewohner.

Im fünften Band der außergewöhnlichen Naturführerreihe "Natur erleben – beobachten – verstehen", die derzeit im Schweizer Haupt Verlag erscheint, treffen wir auf faszinierende Flugkünstler, sonnenhungrige Kletterer und achtbeinige Untermieter. Gemeint sind Mauersegler, Eidechsen und Winkelspinnen. Aber auch Feuerwanzen, Eichhörnchen und Stadtfüchse werden uns vorgestellt. Wir machen Bekanntschaft mit problematischen Gartenpflanzen, mit eher unscheinbaren Algen, Moosen und Flechten und immergrünen Kletterpflanzen wie dem Efeu, der entgegen der landläufigen Meinung kein Baumparasit ist, sondern Bäume nur als Stütze nutzt. Wir erfahren, dass selbst im Kompost eine außerordentliche Vielfalt an Leben herrscht, dass Lichtquellen das natürliche Verhalten vieler Tiere verändert, und warum Spinnen sich nicht in ihren eigenen Netzen verfangen.

Auch der Autor von "In der Stadt", Andreas Jaun, ist kein Unbekannter mehr, hat er doch an den bereits 2011 erschienenen Bänden "Im Wald" und "Auf der Wiese" tatkräftig mitgewirkt und den Naturführer "An Fluss und See" alleine herausgebracht. Der Biologe mit Projekten in den Bereichen Naturschutz, Artenförderung und Landschaftsplanung ist auch in der Umweltbildung tätig. Und spätestens hier wird die bemerkenswerte Absicht des Haupt Verlages erkennbar: Naturbildung für alle. Denn die Edition besteht nicht nur aus sechs Büchern, sondern ist mit einer empfehlenswerten Website und einer Smartphone-App verlinkt, über die ich mir allerdings, da immer noch ohne Smartphone, kein Urteil erlauben mag.

In seiner etwa 20-seitigen Einleitung stellt Andreas Jaun die Stadt als Ersatzlebensraum vor und ihre Bewohner als so genannte Kulturfolger des Menschen. Nach Jaun zeigt sich die Kraft der Natur vor allem bei der Rückeroberung verlassener Bauwerke und Siedlungsflächen. Auf mehr als 160 Seiten führt seine Entdeckungsreise durch fast alle urbanen Winkel und folgt dabei dem Lauf der Jahreszeiten. Das macht den Zugang einfach. Randvermerke und Piktogramme verweisen auf verwandte Themen im Buch und auf der Website. Spannende Tipps regen zur Naturbeobachtung an.

Biologisches Wissen und ökologische Zusammenhänge gut und verständlich aufbereitet, nie langweilig und voller Überraschungen – das ist die Stärke des neuen und reich bebilderten "Stadtführers". Man darf fragen, warum die vernetzten Naturführer erst jetzt auf den Markt kommen. Glaubt man dem Verlag, will man endlich der besorgniserregenden Wissenserosion in Sachen Natur etwas entgegensetzen. Um ein möglichst ein großes Publikum zu erreichen, bedient man sich bewusst neuer Medien wie Internet und Apps. Die Beziehungsgeflechte in der Natur sichtbar machen, die Faszination für die Natur, aber auch das Bewusstsein für Auswirkungen von menschlichem Handeln auf die Natur fördern – das sind die großen Anliegen des modernen und innovativen Projektes. Hinter der Idee steht die Überzeugung, dass wir Menschen nur das schützen, was wir kennen.

Mein Extratipp für Lehrkräfte am Schluss: Als ergänzende "Biologiebücher" sind die Bände der Reihe für den Schulunterricht absolut empfehlenswert.

42. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42. KW 2012

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