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Geheime Kommandozentrale

Längst nicht alle unsere Handlungen werden bewusst von uns gesteuert. Atmen, Lachen, Laufen – diese Dinge tun wir quasi vollautomatisch, ohne dass wir uns darüber im Klaren sind, welche Muskeln da eigentlich in welcher Reihenfolge arbeiten. Das Kommando übernimmt in diesem Fall nämlich unser Unterbewusstsein. Dem großen Unbekannten widmet sich Autor David Eagleman auf rund 300 Seiten.

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler hat bereits mehrere Bestseller veröffentlicht. Mit diesem Buch hat er allerdings eher danebengegriffen. Im Gro­ßen und Ganzen ist es eine lange Liste psychologischer Experimente oder ungewöhnlicher Erkrankungen, die alle zeigen, dass wir unsere Handlungen gar nicht bewusst kontrollieren können. Die Auswahl der Beispiele bietet dem Leser dabei nur wenig Neues oder Unerwartetes. Bei den meisten von ihnen handelt es sich schlicht um klassische Fälle aus dem Lehrbuch. Weil all diese Beispiele so schön sind, muss Eagleman sie offenbar ständig wiederholen. Und so hätte er seine Kernaussagen problemlos auf einem Bruchteil des Papiers unterbringen können.

Nach sechs Kapiteln seichter Unterhaltung zieht der Autor schließlich sein Fazit: Da nahezu alle unsere Handlungen von unserem Unterbewusstsein bestimmt werden, kann es so etwas wie den freien Willen eigentlich nicht geben – oder zumindest gibt es dafür keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte.

Irritierend sind besonders die Forderungen, die Eagleman daraus ableitet. Er stellt nicht zuletzt unser ganzes Rechts-system in Frage. Warum ist der demenzkranke Dieb schuldunfähig und der einfache Einbrecher nicht, wenn wir doch eigentlich alle nur Sklaven unserer un­bewussten Handlungen sind? Diesen Gedanken spinnt er noch weiter: Sicherlich lägen bei anderen Straftätern auch neuronale Schädigungen vor, nur seien unsere Messmethoden noch nicht sensibel genug, um sie zu entdecken. Als Rehabilitationsmaßnahme schlägt der Autor präfrontales Training vor, um Verbrechern zu helfen, ihre Impulskontrolle zu stärken.

Bleibt nur die Frage, wie das denn gehen soll, wenn wir doch eigentlich keinen freien Willen haben. Möglicherweise rudert Eagleman deshalb im letzten Kapitel wieder ein wenig zurück, indem er die Sichtweise von Reduktionisten verurteilt, die den Menschen auf sein Gehirn reduzieren. Ebendiesen Eindruck, den der Autor selbst zuvor rund 300 Seiten lang vermittelt hat, vermag er damit aber nicht wettzumachen.

Wie unser Denken und Handeln tatsächlich zu Stande kommen, erfährt der Leser bis zum Schluss nicht. Vereinzelt fallen Schlagworte wie Neurone, Nervensystem oder Temporallappen, doch ohne letztendlich in einen größeren Zusammenhang eingeordnet zu werden – da hilft auch die Hirngrafik am Ende des Buchs wenig. Außerdem weiß man nach 300 Seiten immer noch nicht, was das Unterbewusstsein denn nun eigentlich ist. Offenbar soll der Leser staunen, aber nicht verstehen.

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  • Quellen
Gehirn & Geist 5/2012

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