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Sehnsucht nach Exotik

Seit James Cook – britischer Seefahrer und Entdecker – übt die Südsee einen ganz speziellen Reiz aus und regen die kulturellen Hinterlassenschaften von dort die Fantasie der Menschen an. Ein großer Teil der von dem Engländer mitgebrachten Objekte wird in der Ausstellung "James Cook und die Entdeckung der Südsee" gezeigt. Wer die Ausstellung nicht selbst sehen kann, dem sei der vorliegende Katalog ans Herz gelegt, der den Seefahrer und seine Reisen brillant beleuchtet.

Vielfach verschwinden bekanntlich teure Hochglanz-Ausstellungskataloge schon nach kurzer Zeit – und oft kaum gelesen – als "Dekorationsobjekt" im wohnzimmerlichen Bücherregal. Dem umfangreichen Katalogbuch zur spektakulären James-Cook-Ausstellung, die sich erstmals mit dem Erbe des Seefahrers befasst, wird dieses Schicksal aber hoffentlich erspart bleiben, da es höchst infomativ und spannend zu lesen ist.

Der Katalog begleitet die Ausstellung, die zunächst in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn gezeigt wird (bis Ende Februar 2010), dann im Museum für Völkerkunde in Wien (10. Mai bis 13. September 2010) und schließlich im Historischen Museum in Bern (7. Oktober 2010 – 13. Februar 2011). Die Schau erweckt anhand von rund 500 Exponaten die Reisen des James Cook und seines internationalen Wissenschaftlerteams zu neuem Leben. Dabei wurden erstmals die von den Reisen mitgebrachten ethnografischen und naturhistorischen Objekte der verschiedensten pazifischen Kulturen wieder zusammengeführt. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts waren sie nämlich über völker- und naturkundliche Sammlungen in ganz Europa verstreut worden. Vor allem die britischen ethnografischen Sammlungen in London, Oxford und Cambridge sowie diejenigen im deutschsprachigen Raum – allen voran Göttingen, Wien und Bern – sowie zahlreiche Museen in aller Welt haben nun zum Zwecke dieser Ausstellung zusammengearbeitet.

Nicht allein die Beschreibungen der völkerkundlichen, natur- und kunsthistorischen Objekte, sondern auch die zahlreichen Aufsätze unterschiedlichster Wissenschaftler im vorliegenden Band geben vielfältige Einblicke in Geschichte und Wirkung der drei großen Expeditionsreisen James Cooks (1728-1779), der im 18. Jahrhundert in die damals noch unbekannte Welt Ozeaniens eingedrungen war. Neben diesen Fundstücken präsentiert das Katalogbuch Gemälde und Zeichnungen der mitreisenden Maler, die die Wissbegierde der Entdecker und ihre Leidenschaft für die exotische Szenerie der Südsee belegen. Auch Schiffsmodelle, Seekarten und Navigationsinstrumente sowie zahlreiche "Mitbringsel" fremder Kulturen werden vorgestellt.

"Mein Schicksal treibt mich von einem Extrem ins andere", soll Cook einmal über seinen Drang ferne Welten zu erkunden geschrieben haben. In der Tat haben ihn seine drei Expeditionen in den Pazifischen Ozean berühmt gemacht. Erstmals wurden Regionen wie Neuseeland, Australien und die Inselwelt der Südsee kartografiert und damit das neuzeitliche Bild von der Erde nicht nur vervollständigt, sondern auch die Vorstellung von einem mythischen Südkontinent widerlegt. Auch wenn Cook keinen Kontinent entdeckt hat, sondern lediglich Hawaii und einige Südseeinseln, kommt ihm eine Sonderstellung zu. Vor allem, weil er durch die Akribie seines mitreisenden internationalen Wissenschaftlerteams eine Fülle an fremder Landeskunde nach Europa gebracht hat. So konnten in Disziplinen wie Navigation, Astronomie, Naturgeschichte, Philosophie oder Kunst ganz neue Erkenntnisse erzielt werden, und darüber hinaus entstand eine ganz neue Wissenschaft, die Ethnologie.

Das vorliegende Buch versucht in vier Kapiteln die faszinierenden wie anstrengenden und gefährlichen Reisen dem modernen Leser näherzubringen. Zunächst steht James Cook im Mittelpunkt – ein über 1,80 Meter großer, schlacksiger und wortkarger Eigenbrödler. Dabei kommt die Sicht anderer Beteiligter nicht zu kurz, und sein gewaltsamer Tod auf Hawaii wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das zweite Kapitel widmet sich dem Zeitalter der Aufklärung, dem damaligen Stand der Wissenschaften und den mitreisenden Wissenschaftlern. Das dritte Kapitel "Aufbruch zu neuen Ufern" bringt dem Leser die Seefahrt im 18. Jahrhundert allgemein näher. Fahrten in unbekanntes Land waren beileibe kein romantisches Abenteuer, sondern mehrjährige harte Touren ins Ungewisse, die von der Segelschiffbesatzung alles abverlangten. Statistisch gesehen war eine gesunde Rückkehr sogar eher unwahrscheinlich.

Bereits James Cook schrieb, dass die indigene Bevölkerung zu schützen sei: "Wir bringen ihnen Bedürfnisse und womöglich Krankheiten, die sie zuvor nicht gekannt und die ausschließlich dazu angetan, die glückselige Ruhe zu stören, deren sie und ihre Vorväter sich erfreuten," schrieb er 1777 mit imponierender Weitsicht. Daher widmet der Katalog den Problemen, die Cooks Reisen den Ureinwohnern einbrachten, das gesamte vierte Kapitel. Die Entdeckungsreisen hatten enorme kulturelle, religiöse, ökonomische und politische Auswirkungen auf die "Südsee" und den nordamerikanischen Nordwesten. Der Kontakt zu den westlichen Kolonialmächten veränderte die traditionellen Lebensweisen vielfach radikal, brachte Missionierung und Kolonisierung, Entfremdung und Entmündigung. Erst in jüngerer Zeit wendet sich das Blatt wieder dank indigener Selbstfindung und politischem Autonomiebestreben.

Nach der umfassenden Einleitung folgt der etwa gleichstarke Katalogteil. Zunächst werden anhand verschiedener Objekte Cooks Reisegefährten vorgestellt, dann seine Schiffe und deren Ausrüstung. Den Hauptteil bilden die Objekte ausgewählter Regionen und Inseln zwischen Tahiti, Neuseeland, Australien, Nordamerika und Hawaii. Abgerunden wird das Buch durch einen Anhang mit ausführlicher Literaturliste, Autorenverzeichnis und Abbildungsnachweis. Ein Register fehlt, doch das ist auch das einzige Manko dieses fesselnden und lesenswerten Katalogbuchs.

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