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Ein Universum ist nicht genug

Wenn ein Astrophysiker fragt, ob das alles Zufall sein kann, dann meint er mit "alles" wirklich alles. In seinem Buch "Kann das alles Zufall sein?" versucht der österreichische Astrophysiker Heinz Oberhummer zu klären, warum unser Universum gerade so beschaffen ist, dass es Leben hervorbringen kann.

In seinem Forschungsgebiet, der Nuklearen Astrophysik, geht der Buchautor der Frage nach, wie Kernprozesse im Inneren von Sternen ablaufen. In diesen Prozessen verschmelzen Atomkerne, wobei die gewaltigen Energien erzeugt werden, die Sterne zum Leuchten bringen. Diese energetischen Vorgänge erleuchten aber nicht nur das Universum, sie bilden auch die chemischen Elemente, aus denen unsere Welt besteht. Ein Kernverschmelzungsprozess ist für uns Menschen besonders bedeutsam, nämlich der so genannte Tripel-Alpha-Prozess. Dieser führt zur Bildung von Kohlenstoff, dem Grundelement allen Lebens und dient dem Autor als Beispiel für ein merkwürdiges Phänomen, mit dem Astrophysiker auch an anderer Stelle konfrontiert werden: der kosmologischen Feinabstimmung.

Wie Heinz Oberhummer in eigenen Forschungen zeigen konnte, reagiert der Tripel-Alpha-Prozess sehr empfindlich auf kleine Änderungen in der Stärke der Kernkraft. Das heißt, ein Universum, in dem diese Naturkonstante nur einen geringfügig anderen Wert einnimmt, wird zu wenig Kohlenstoff produzieren, um Leben bilden zu können. Woher kommt diese merkwürdige Feinabstimmung der Naturkonstanten, die Leben ermöglicht? Kann das Zufall sein?

Wer nun glaubt, Heinz Oberhummer steigt tief und umfassend in diese Fragestellung aus dem Buchtitel ein, wird enttäuscht. Rund zwei Drittel seines Buches widmet der Autor einem soliden Rundgang durch die Astronomie: vom Aufbau unseres Planetensystems bis hin zu dem kosmischen Rätsel der Dunklen Energie. Die einzelnen Kapitel werden vom Autor dabei stets in humorvollen Cartoons zusammengefasst. Im Mittelteil des Buches findet sich zudem ein sehr schöner Bildteil: "Eine kurze illustrierte Reise durch das Universum". Nach dieser Darstellung des astronomischen Kenntnisstandes geht Heinz Oberhummer auf die noch recht junge interdisziplinäre Astrobiologie ein. Er beschreibt unsere Erde als Raumschiff, deren Besatzung kurz davor steht, sich selbst zu vernichten. Insbesondere die Gefahr durch Kernwaffen und "schmutzige Bomben" bereiten ihm große Sorgen.

Ist der Leser dem Autor soweit gefolgt und gut vorbereitet, kann er sich nun im letzten Kapitel endlich der Frage aus dem Buchtitel zuwenden. Das Problem der kosmologischen Feinabstimmung kann auf verschiedene Arten gelöst werden. Ohne zu viel zu verraten, kann hier schon gesagt werden, dass der Autor die Idee des Multiversums bevorzugt. Diese Idee ist eine Weiterentwicklung des Inflationsmodell, eine von Kosmologen favorisierte Theorie des Urknalls. In der Konsequenz besagt die Hypothese des Multiversums, dass unser Universum bei weitem nicht alles umfasst, sondern Teil eines größeren Multiversums ist.

In jedem Universum sind die Naturkonstanten anders ausgeprägt. Da es im Multiversum unendlich viele Universen gibt, sind logischerweise auch solche dabei, die ideal zur Bildung von lebendigen Strukturen sind. Heinz Oberhummer unterfüttert diese physikalische Spekulation noch mit einem theologischen Argument, das an Giordano Bruno erinnert: Ein Gott, der nur ein Universum erschafft, ja geradezu austüffelt, erscheint ihm zu begrenzt. Warum sollte Gott nur einmal tun, was er unendlich oft tun könnte?

Hier spiegelt sich auch das Credo des Autors wider, dass schon früh im Buch anklingt: "Mir persönlich erscheint es jedoch absurd, dass das "Warum" und "Wie" der grundlegenden Fragen der Menschen nicht irgendwo und irgendwie zusammenhängen sollen, um nicht zu sagen, müssen." Heinz Oberhummer sucht also nach einer Diskussionsbasis von Theologie und Naturwissenschaft.

Insgesamt bleibt nach dem Lesen ein zwiespältiger Eindruck. Das im Buchtitel angesprochene Thema findet im Buch nicht den gebührenden Raum und wird nicht in der gebotenen Tiefe diskutiert. Andererseits bietet Heinz Oberhummer ein liebevolles Sachbuch zur modernen Astrophysik, voller Begeisterung für das geheimnisvolle Universum.
23.07.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23.07.2008

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