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»Bevor es zu spät ist«: Lauterbach fordert auf, mehr Wissenschaft zu wagen

Gesundheitsminister Karl Lauterbach zeichnet ein faktenbasiertes Bild der globalen Umwelt- und Gesundheitsprobleme, ohne dabei in Pessimismus zu verfallen. Eine Rezension.
Demonstranten mit Schildern bei Klimademo

Karl Lauterbach ist kein Politiker vom alten Schlag. Dabei war er bei der »Basis«, bei denen, die ihn näher kannten, stets populär: In seinem Wahlkreis gewann er immer wieder das sozialdemokratische Direktmandat. Doch in die große Politik gelangte er erst, nachdem er anlässlich der Corona-Pandemie als Experte in den Talkshows allgegenwärtig geworden war. Nun ist er Gesundheitsminister und muss politisch ausgehandelte Kompromisse öffentlich verteidigen, auch wenn er sie als Wissenschaftler eigentlich nicht billigt.

Von der Wissenschaft in die Politik

Wenn es um das prekäre Verhältnis von evidenzbasiertem Sachverstand und populärer Politik geht, kann Lauterbach wirklich aus der Schule plaudern. In dem vorliegenden Buch spricht er aus Erfahrung. Schon seine akademische Karriere als Medizinforscher an deutschen und US-amerikanischen Universitäten war ihm nicht in die Wiege gelegt; die erlebte Diskriminierung der ärmeren Schichten förderte seine Sensibilität für die sozialen Dimensionen des Bildungs- und Gesundheitswesens. Das schuf den Grund für sein politisches Engagement.

Einem bereits arrivierten Wissenschaftler, der in die Politik strebt, stellen sich hohe Hürden in den Weg. Soll er einen gut bezahlten akademischen Posten und eine interessante Tätigkeit aufgeben, um als Hinterbänkler in die Schlangengrube der politischen Intrige zu springen? Wird er nicht früher oder später als weltfremder Exot ausgestoßen und muss dann für den Rest seines Lebens mit dem Image des gescheiterten Politikers zurechtkommen?

Politik folgt eigenen Regeln. An den aktuellen Beispielen Klimawandel und Pandemie zeigt Lauterbach, wie wissenschaftliche Aussagen zur Munition im Meinungsstreit zu verkommen drohen. Je nach politischer Vorliebe suchen sich Volksvertreter passende »Experten«, die ihre Meinung unterstützen. Doch trotz des Risikos populistischer Verzerrungen müssen sich Forschende nach Lauterbachs Überzeugung dem politischen Meinungsstreit stellen, damit daraus eine evidenzbasierte Klima- und Gesundheitspolitik hervorgeht.

Dort, wo die Entscheidungsträger auf kompetente Berater hörten – wie die Physikerin Merkel unter anderem auf den Epidemiologen Drosten –, kam man besser durch die ersten Wellen der Pandemie als in Staaten wie USA oder Brasilien, in denen sich wissenschaftlich ungebildete Staatschefs von »alternativen Fakten« irreführen ließen.

Hingegen verhallten in Deutschland die Warnungen der Fachleute vor der vierten Corona-Welle. Die Regierung ließ Lockerungen zu. Lauterbach: »Wissenschaft und Politik hatten sich entfremdet. Sofort stiegen die Fallzahlen.«

Großes Gewicht nimmt im Buch die Klimakrise ein. Der Autor zeigt, wie weit die politischen Maßnahmen bisher hinter dem Notwendigen zurückbleiben. Besonders betont er die Rolle von Ernährung und Wasserverbrauch. Ohne weit gehenden Verzicht auf Fleisch bleiben die Klimaziele unerreichbar. Und ohne sorgsamen Umgang mit den Wasserressourcen drohen Kriege und Ströme von Fliehenden aus Dürregebieten.

Insgesamt zeichnet Lauterbach ein faktenbasiertes, realistisches Bild der globalen Umwelt-und Gesundheitsprobleme, ohne deshalb in Pessimismus zu verfallen. Wenn die Politik auf die Ratschläge der Experten hört, ihre warnenden Szenarien zur Kenntnis nimmt und auch unpopuläre Konsequenzen zu begründen versteht, gibt es gute Chancen. Also: mehr Wissenschaft wagen!

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