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Überflüssig

Bilder sagen mehr als Worte – das ist oft richtig. Und auch bei der Erderwärmung und ihren schon heute absehbaren drastischen Folgen für Mensch und Natur könnten sie vielleicht eindringlicher wirken als der x-te Fachaufsatz eines Forschers zum Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre, zu neuesten Klimasimulationen oder schmelzenden Gletschern. Das ambitionierte (Bilder-)Buch "Klima im Wandel – Erde in Gefahr" von Peter Murray ist allerdings kein sinnvoller Beitrag zur Debatte oder Aufklärung, sondern ein überflüssiges Ärgernis.

Was bringt dem interessierten Leser oder Betrachter ein Foto von Freizeittauchern, die um einen Korallenstock am australischen Great Barrier Reef schwimmen? Überschrieben ist es mit Alarmsignale Australien, in der Bildbeschreibung der Urlaubsidylle ist dann die Rede, dass in hundert Jahren die Korallen verschwunden sein könnten. Oder welchen Schluss soll man aus einem Bild rastender Reisender in einem indischen Bahnhof ziehen? Bezug genommen wird dabei auf eine tödliche Hitzewelle in Indien im Jahr 2003. Dass beide Aufnahmen auch noch unscharf abgedruckt werden, krönt das Ganze.

Wenigstens ästhetisch ist der Blitzeinschlag im Kuppelkreuz der Markus-Kirche in Belgrad: Es soll das Wetterchaos in Serbien 2006 dokumentieren. Fragend bleibt man wohl auch bei den Bildern fröstelnder Kubaner im Januar und die Sonne genießender Deutsche im November zurück. Wieso sollen ausgerechnet diese beiden Wetterkapriolen den Klimawandel porträtieren? Seitenweise geht es weiter mit den Aufnahmen von ackernden Bauern, Autos im Stau oder Fahrrädern in Peking – insgesamt eine unsystematische Aneinanderreihung von wie zufällig wirkenden Fotos, deren Farb- und Druckqualität zudem bisweilen arg bescheiden ist.

Und vollkommen ärgerlich wird es, wenn der Autor eine geologisch ausgelöste Naturkatastrophe wie den Tsunami der Weihnachtstage 2004 in Südostasien als Anlass nimmt, vor der Erderwärmung zu warnen. Natürlich muss man damit rechnen, dass eine tektonisch aktive Zone wie die beiderseits des Sunda-Grabens von neuen Flutwellen heimgesucht wird – aber die Erhöhung des Meeresspiegels von wenigen Zentimetern macht in diesem Fall bei bis zu dreißig Meter hohen Wogen nur marginal etwas aus. Vor dieser Art der Panikmache und Vermengung unterschiedlicher Sachverhalte, warnen Klimaforscher immer wieder. Das Bild der zerstörten indonesischen Stadt Meulaboh ist deshalb völlig fehl am Platz.

Wissenschaftlich in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht korrekt ist das gleichermaßen aufgeführte Ozonloch – zumindest nicht ohne die passende Erklärung. Denn das Aufreißen der lebenswichtigen Schutzhülle lässt sich primär nicht mit dem Klimawandel erklären. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen beiden Problemfeldern, doch werden diese nicht erwähnt: So bedingt die Aufheizung der Troposphäre, dass sich die Stratosphäre – wo sich das Ozon tummelt – abkühlt. Sinkende Temperaturen kurbeln wiederum den Ozonabbau an. Auf der anderen Seite sind die zerstörerischen FCKW-Moleküle sehr starke Treibhausgase, die mehrere tausend Mal wirksamer sind als Kohlendioxid und damit die Atmosphäre weiter aufheizen.

Insgesamt hat das Buch nur anekdotischen Wert – weisen doch alle Klimaforscher stets darauf hin, dass aus einzelnen Wetterereignissen keine Schlüsse auf das gesamte Klima gezogen werden können. Nichts anderes macht aber das Buch in großen Teilen seiner Bildauswahl. Dass es deutlich besser ginge, belegt es in einzelnen Glanzstücken selbst: etwa in Vergleichen, die den Gletscherschwund im Gebirge oder den Meereisverlust im Nordmeer belegen. Warum wurde so etwas nicht häufiger verwendet? Es gäbe genügend Material bei dem gesunde Korallenriffe mit toten, durch die Hitze ausgebleichten verglichen werden könnten, die den Waldverlust am Amazonas dokumentieren oder den Rückzug alpiner wie arktischer Ökosysteme verdeutlichen. Dem Kampf gegen den Klimawandel ist mit diesem Bildatlas leider nicht geholfen.
24.08.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.08.2007

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