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Leonardo und die Technik

Mario Taddeis hervorragend illustriertes Buch "Leonardo dreidimensional – Neue Roboter und Maschinen" bringt dem Leser den genialen Wissenschaftler näher. Auf über 400 reich bebilderten Seiten stellt der Autor zuerst einfache und später komplexe Maschinenelemente dar, die Leonardo da Vinci entworfen oder sich ausgedacht hat. Die ursprünglichen Bilder aus dem Codex sind bei Taddeis meist durch Modelle ergänzt und der Text dazu vermittelt die Brillianz der Ideen.

Das Buch basiert auf den 1966 gefundenen Handschriften Leonardos in der Nationalbibliothek von Madrid, die seither Codex Madrid I und Codex Madrid II bezeichnet werden. Sie umfassen auf fast 700 Seiten Zeichnungen und Entwürfe Leonardos aus den unterschiedlichsten Bereichen, darunter Architektur, Musik und Navigation. Ein Vergleich mit dem kürzlich versteigerten Codex Hammer würde den (rein materiellen) Wert dieser Bücher auf circa eine Milliarde US-Dollar taxieren.

Der Codex Madrid I ist ein von Leonardo wohl zwischen 1493 und 1505 selbst zusammengestellter Band, von dem lediglich acht Blätter herausgerissen sind und fehlen. Keiner der Zeitgenossen war derart modern mit seinen deskriptiven, zeichnerischen Fähigkeiten und auch das technische Verständnis sucht seinesgleichen. Wäre dieses Werk gedruckt worden, so hätte es die Entwicklung der Mechanik sicherlich um 100 Jahre beschleunigt – finden sich darin doch Entwürfe von so modernen Geräten wie Hubschrauber, Flugzeug und Automobil. Die drei großen Kapitel des Buchs gelten dem Automobil, dem "mechanischen Löwen" und dem "Ritter oder Roboterkrieger". Allein diese Überschriften sorgen für Neugier, denn wann hat man zuletzt von Robotern in der Renaissance gelesen?

Da Vinci führt beispielsweise den "Unterbau" ein – einen Roboterwagen mit Eigenantrieb, dessen spätere Geschichte und Konstruktion eines funktionsfähigen Prototypen Taddei schön nacherzählt. Die erste öffentliche Ausstellung des Gefährts fand dann 2004 in Florenz statt.

Was hat es aber mit dem "mechanischen Löwen" auf sich? Schließlich existiert kein von Leonardo dazu gezeichnetes Bild, dafür sehr detaillierte Beschreibungen seiner Zeitgenossen. Die Unterlagen erzählen jedenfalls von künstlichen Löwen, die den französischen König Franz I. in Amboise überraschten. Leonardo stand damals im Dienst des Königs und lebte seit 1516 in Amboise – also ist die Annahme, dass der Löwe von ihm stammt, durchaus plausibel. Die nächsten hundert Seiten sind also reine Spekulation, dennoch es ist ein intellektueller Spaß, die mögliche Entwicklung eines Löwen mit Eigenantrieb zu verfolgen.

Das Kapitel der "Roboter" leitet wieder eine sehr gute Übersicht der Details ein. Hier werden ein Antrieb mit 13 Rädern, die schiefe Ebene oder die Hebelgesetze kurz erläutert und ein System für das Hin- und Herbewegen vorgestellt. Die letzten Seiten sind gefüllt mit Spekulationen von mechanischen Kriegern auf Burgmauern des 15. Jahrhunderts. Mit Mehrfach-Flaschenzügen kann ein und dasselbe Seil mehrere Bewegungen eines Ritters erzeugen. Den Anleitungen Leonardos entsprechend wurde eine (Ulmenholz-)Knochenstruktur der Krieger gebaut, anschließend mit den Rüstungselementen verkleidet und den Kriegern Hellebarden in die Hände gedrückt. Eine Armada von "mechanischen Kriegern" stand auf den Zinnen, konnte sich bewegen und dem Angreifer Schrecken einflößen.

Insgesamt sind Taddeis Beschreibungen didaktisch sehr ansprechend. Das Buch versucht den Leser mit Pfeilen zwischen Texten und Bildern zu navigieren – nach etwas Gewöhnungszeit eine sehr effiziente Art, den Leser mit der komplexen Materie vertraut zu machen. Schließlich schrieb und zeichnete Leonardo und verstand es dadurch um wie viel leichter es ist, komplexe Zusammenhänge oder Objekte bildhaft darzustellen. Seine Zeichnungen wirken daher ausdrucksstärker als viele Worte.

Einige kleine Verbesserungen könnten jedoch in einer neuen Auflage gemacht werden: Die Zeichnungen wurden zwar erstmals in 3-D-Computergrafiken umgesetzt, wirklich dreidimensional sind sie aber natürlich nicht. Die Angaben zur Literatur fallen leider mit zwei Seiten sehr kurz aus, und es fehlt ein Stichwortverzeichnis.

Es ist klar, dass jede Arbeit über Leonardo unvollständig bleiben muss, dennoch informiert "Leonardo dreidimensional" herrlich und fachgerecht über die Automaten da Vincis sowie die Mitstreiter seiner Zeit. Ich kann dieses Buch allen Altersklassen empfehlen – als Geschenk fast die Ideallösung, und man legt es auch nicht so bald aus der Hand.

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