Der Mythos lebt
Drei Ausstellungen allein in Berlin, eine Filmdokumentation auf Arte und vier neue Bücher – prominent ist sie offenbar noch heute, die Königin Luise (1776 – 1810), auch wenn seit ihrem Tod schon zwei Jahrhunderte vergangen sind. Besonders verehrt wird die Königin der Herzen, wie der Dichter August Wilhelm Schlegel sie nannte, in der Gegend zwischen Elbe und Oder, die einst zum Königreich Preußen gehörte.
Allen vier in diesem Jahr erschienenen Biografien ist eines gemeinsam: Sie versuchen zu ergründen, warum der Mythos um die preußische Adlige lebt. Daniel Schönpflug, stellvertretender Direktor des Centre Marc Bloch in Berlin, charakterisiert sie in seinem Buch "Luise von Preußen. Königin der Herzen" als große Darstellerin, die ihrer Rolle als Herrscherin nicht nur traditionelle Züge verlieh, sondern eigene Interpretation hinzufügte. Das Publikum – sprich das Volk – bewunderte ihre Schönheit, ihren Charme und ihre Natürlichkeit, aber neben "der Verheißung auf eine Erneuerung Preußens war es vor allem der Mutterkult, welcher das Bild und das Nachleben der Königin prägte", so Schönpflug.
Der Historiker schildert die bekannten Etappen – angefangen bei der glücklichen Kindheit im Haus der Großmutter in Darmstadt über die Jahre an der Seite des zaudernden Königs Friedrich Wilhelm III. bis hin zur dramatischen Flucht vor den napoleonischen Truppen in den hintersten Winkel Ostpreußens.
Kurz und prägnant führt Schönpflug dem Leser die prägenden Kontexte, Ereignisse und Menschen aus Luises Leben vor Augen: die Situation in Europa um 1800, das Leben am Hof und die Lage in der Hauptstadt Berlin, die damals nur etwa 170 000 Einwohner zählte.
Sein Versprechen im Vorwort, eine "frische Annäherung" an Luise zu wagen und das "Fremde, Überraschende" in ihr zu entdecken, vermag er indes nicht ganz einzulösen. Nicht neu ist beispielsweise die Entdeckung, dass die Organisatoren des Trauerzugs nach dem Tod der Königin vor großen Problemen standen. Die Julihitze setzte dem Leichnam nämlich stark zu – auch mineralische Säuren und Tonnen von eingekellerten Eisvorräten konnten die Verwesung nicht aufhalten.
Ein Augenschmaus sind die vielen "Bühnenbilder", welche die Journalistin Hanne Bahra in ihrem Buch "Königin Luise. Von der Provinzprinzessin zum preußischen Mythos" inszeniert: Zahlreiche farbige Abbildungen und Kästen mit Auszügen aus Luises Briefen zeigen dem lesenden Publikum die wichtigsten Szenen im Leben der Königin. Allzu lange dauert das Stück zwar nicht, denn das Buch ist nur 144 Seiten lang, aber informiert ist man trotzdem. Da verschmerzt der Leser auch das fehlende Sach- und Personenregister.
Warum der Mythos, der spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch ein Schattendasein führte, heute wieder auflebt, erklärt Bahra nicht. Sie begnügt sich mit den knappen Thesen, dass das wiedervereinigte Deutschland die Preußin heute erneut zu entdecken beginnt und dass Luise – ewig jung, ewig schön – zum rechten Zeitpunkt gestorben sei. Nach Erläuterungen sucht man vergeblich.
Eng mit der Geschichte Preußens verbunden ist die Familie von Christine Gräfin von Brühl, Autorin der dritten Luise-Biografie aus diesem Jahr. Einer ihrer Vorfahren, Carl Adolph Graf von Brühl, wirkte als Erzieher und Oberhofmeister von Luises Gatten König Friedrich Wilhelm III. Der rote Faden von "Die preußische Madonna" ist der Trauerzug, der sich Ende Juli 1810 vom mecklenburgischen Schloss Hohenzieritz über Fürstenberg und Gransee nach Berlin bewegte. Das Buch liest sich daher wie eine Art Reiseführer. Von Brühl erzählt die Geschichte des ehemaligen Stammsitzes der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz in Hohenzieritz und porträtiert die Ortschaft Prillwitz als ein Nest, das verträumt und abgelegen inmitten einer sumpfigen Landschaft liegt.
Ins Zentrum rückt sie weitere Orte, an denen man der Autorin zufolge noch heute die Präsenz der Königin spüren könne. Zuweilen wirken ihre Metaphern leider allzu bemüht, etwa wenn am Neustrelitzer Hafen der "Charme der Mecklenburger Weite" auf den Charakter Luises hinweise: "Man scheint sie hier förmlich zu spüren, die Heiterkeit Luises, ihre freundliche Güte."
Im Gegensatz zu Hanne Bahra meint Gräfin von Brühl aber zu wissen, warum Luise von Preußen heute immer noch auf das Publikum wirkt. Grund ist ihrer Ansicht nach die frühzeitige Legendenbildung und die Faszination, die gerade volksnahe Königinnen, frei von Arroganz und Herrschsucht, zu allen Zeiten auf die Menschen ausgeübt haben.
Aus dem üblichen Rahmen fällt Carolin Philipps' Buch "Luise. Die Königin und ihre Geschwister". Mit vielen Zitaten und detaillierten Schilderungen entwirft sie das Panorama einer hochadligen Familie. Die sechs Kinder, darunter die kluge Therese von Thurn und Taxis, pflegten das ganze Leben lang eine innige Beziehung zueinander.
Und schon die Geschwister strickten fleißig an Luises Mythos. So schreibt der älteste Bruder Georg im April 1810 in einem Brief über seine Schwester: "Wenn ich mich so recht in ihrem Anschauen verliere, dann schwöre ich Dir, wird mir's oft zu Muthe, als dürfte ich nur den äußeren Saume ihres Gewandes küssen." Kritische Stimmen wie die des Freiherrn vom Stein, der die Königin als oberflächliche und gefallsüchtige Frau beschrieb, die ihren Mutterpflichten kaum nachkomme, hatten auf die Dauer keine Chance gegen die Flut der Lobpreisungen.
Philipps hat noch eine verblüffende These auf Lager: Aus der Korrespondenz von Luise diagnostiziert sie eine Depression, an der die Königin in ihren letzten Lebensjahren gelitten habe – als Folge der Verluste Preußens, der verlorenen Schlachten und der Jahre in der Verbannung. Zwingende Gründe für diesen Befund kann Philipps jedoch nicht anführen. Der Luise-Mythos überlebte der Autorin zufolge als Idee, als Erinnerung an eine Frau, die mit Gottvertrauen, Mut, Pflichtbewusstsein und einer guten Portion Humor ihre Rolle als Herrscherin gespielt habe. Wahrscheinlich ist Luise aber vor allem ein Sinnbild für das ideale Preußen – für ein Land, das sich immer der Kunst, der Gerechtigkeit und dem Schönen verbunden wissen wollte.
Allen vier in diesem Jahr erschienenen Biografien ist eines gemeinsam: Sie versuchen zu ergründen, warum der Mythos um die preußische Adlige lebt. Daniel Schönpflug, stellvertretender Direktor des Centre Marc Bloch in Berlin, charakterisiert sie in seinem Buch "Luise von Preußen. Königin der Herzen" als große Darstellerin, die ihrer Rolle als Herrscherin nicht nur traditionelle Züge verlieh, sondern eigene Interpretation hinzufügte. Das Publikum – sprich das Volk – bewunderte ihre Schönheit, ihren Charme und ihre Natürlichkeit, aber neben "der Verheißung auf eine Erneuerung Preußens war es vor allem der Mutterkult, welcher das Bild und das Nachleben der Königin prägte", so Schönpflug.
Der Historiker schildert die bekannten Etappen – angefangen bei der glücklichen Kindheit im Haus der Großmutter in Darmstadt über die Jahre an der Seite des zaudernden Königs Friedrich Wilhelm III. bis hin zur dramatischen Flucht vor den napoleonischen Truppen in den hintersten Winkel Ostpreußens.
Kurz und prägnant führt Schönpflug dem Leser die prägenden Kontexte, Ereignisse und Menschen aus Luises Leben vor Augen: die Situation in Europa um 1800, das Leben am Hof und die Lage in der Hauptstadt Berlin, die damals nur etwa 170 000 Einwohner zählte.
Sein Versprechen im Vorwort, eine "frische Annäherung" an Luise zu wagen und das "Fremde, Überraschende" in ihr zu entdecken, vermag er indes nicht ganz einzulösen. Nicht neu ist beispielsweise die Entdeckung, dass die Organisatoren des Trauerzugs nach dem Tod der Königin vor großen Problemen standen. Die Julihitze setzte dem Leichnam nämlich stark zu – auch mineralische Säuren und Tonnen von eingekellerten Eisvorräten konnten die Verwesung nicht aufhalten.
Ein Augenschmaus sind die vielen "Bühnenbilder", welche die Journalistin Hanne Bahra in ihrem Buch "Königin Luise. Von der Provinzprinzessin zum preußischen Mythos" inszeniert: Zahlreiche farbige Abbildungen und Kästen mit Auszügen aus Luises Briefen zeigen dem lesenden Publikum die wichtigsten Szenen im Leben der Königin. Allzu lange dauert das Stück zwar nicht, denn das Buch ist nur 144 Seiten lang, aber informiert ist man trotzdem. Da verschmerzt der Leser auch das fehlende Sach- und Personenregister.
Warum der Mythos, der spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch ein Schattendasein führte, heute wieder auflebt, erklärt Bahra nicht. Sie begnügt sich mit den knappen Thesen, dass das wiedervereinigte Deutschland die Preußin heute erneut zu entdecken beginnt und dass Luise – ewig jung, ewig schön – zum rechten Zeitpunkt gestorben sei. Nach Erläuterungen sucht man vergeblich.
Eng mit der Geschichte Preußens verbunden ist die Familie von Christine Gräfin von Brühl, Autorin der dritten Luise-Biografie aus diesem Jahr. Einer ihrer Vorfahren, Carl Adolph Graf von Brühl, wirkte als Erzieher und Oberhofmeister von Luises Gatten König Friedrich Wilhelm III. Der rote Faden von "Die preußische Madonna" ist der Trauerzug, der sich Ende Juli 1810 vom mecklenburgischen Schloss Hohenzieritz über Fürstenberg und Gransee nach Berlin bewegte. Das Buch liest sich daher wie eine Art Reiseführer. Von Brühl erzählt die Geschichte des ehemaligen Stammsitzes der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz in Hohenzieritz und porträtiert die Ortschaft Prillwitz als ein Nest, das verträumt und abgelegen inmitten einer sumpfigen Landschaft liegt.
Ins Zentrum rückt sie weitere Orte, an denen man der Autorin zufolge noch heute die Präsenz der Königin spüren könne. Zuweilen wirken ihre Metaphern leider allzu bemüht, etwa wenn am Neustrelitzer Hafen der "Charme der Mecklenburger Weite" auf den Charakter Luises hinweise: "Man scheint sie hier förmlich zu spüren, die Heiterkeit Luises, ihre freundliche Güte."
Im Gegensatz zu Hanne Bahra meint Gräfin von Brühl aber zu wissen, warum Luise von Preußen heute immer noch auf das Publikum wirkt. Grund ist ihrer Ansicht nach die frühzeitige Legendenbildung und die Faszination, die gerade volksnahe Königinnen, frei von Arroganz und Herrschsucht, zu allen Zeiten auf die Menschen ausgeübt haben.
Aus dem üblichen Rahmen fällt Carolin Philipps' Buch "Luise. Die Königin und ihre Geschwister". Mit vielen Zitaten und detaillierten Schilderungen entwirft sie das Panorama einer hochadligen Familie. Die sechs Kinder, darunter die kluge Therese von Thurn und Taxis, pflegten das ganze Leben lang eine innige Beziehung zueinander.
Und schon die Geschwister strickten fleißig an Luises Mythos. So schreibt der älteste Bruder Georg im April 1810 in einem Brief über seine Schwester: "Wenn ich mich so recht in ihrem Anschauen verliere, dann schwöre ich Dir, wird mir's oft zu Muthe, als dürfte ich nur den äußeren Saume ihres Gewandes küssen." Kritische Stimmen wie die des Freiherrn vom Stein, der die Königin als oberflächliche und gefallsüchtige Frau beschrieb, die ihren Mutterpflichten kaum nachkomme, hatten auf die Dauer keine Chance gegen die Flut der Lobpreisungen.
Philipps hat noch eine verblüffende These auf Lager: Aus der Korrespondenz von Luise diagnostiziert sie eine Depression, an der die Königin in ihren letzten Lebensjahren gelitten habe – als Folge der Verluste Preußens, der verlorenen Schlachten und der Jahre in der Verbannung. Zwingende Gründe für diesen Befund kann Philipps jedoch nicht anführen. Der Luise-Mythos überlebte der Autorin zufolge als Idee, als Erinnerung an eine Frau, die mit Gottvertrauen, Mut, Pflichtbewusstsein und einer guten Portion Humor ihre Rolle als Herrscherin gespielt habe. Wahrscheinlich ist Luise aber vor allem ein Sinnbild für das ideale Preußen – für ein Land, das sich immer der Kunst, der Gerechtigkeit und dem Schönen verbunden wissen wollte.
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