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Und es geht doch: Mathematik zum Vernaschen

Trauma trostloser Schulstunden, Schrecken der Schriftsetzer – wegen der ausladenden Formeln –, Abgrund der Abstraktion: Dieses unglaublich unverdauliche Zeug soll, zu kleinen Appetithäppchen verarbeitet, dem unbelasteten Leser zu vergnüglichem Konsum serviert werden? Da wird selbst den Vertretern des Fachs mulmig – von den Journalisten ganz zu schweigen -; bestehen sie doch darauf, dass Mathematik zwar im Prinzip jedermann zugänglich sei, aber ihre wahre Schönheit erst dem enthülle, der sich intensiv mit ihr einzulassen bereitfinde.

Zwei Tageszeitungen haben es dennoch gewagt – und gewonnen. In der "Neuen Zürcher Zeitung" erscheint jeden Sonntag "George Szpiros kleines Einmaleins" und findet so großen Anklang, dass die erste Zusammenfassung dieser Geschichten binnen zwei Jahren bereits die 4. Auflage erlebt und der zweite Sammelband dem ersten auf dem Fuße folgt. In der "Welt" musste die Kolumne "Fünf Minuten Mathematik" von Ehrhard Behrends zwar inzwischen einer physikalischen Schwester Platz machen; aber während ihrer zweijährigen Lebensdauer sind hundert Beiträge zusammengekommen.

Wie sagt man die schwierigen Dinge so einfach, dass das Publikum in fünf Minuten das Wesentliche mitbekommt? Die beiden Autoren haben das Problem auf sehr unterschiedliche Weise gelöst, was mit ihren Berufswegen zusammenhängen mag. Während Ehrhard Behrends ein richtiger Mathematikprofessor an der Freien Universität Berlin ist, fand George G. Szpiro nach seiner Promotion und einigen Jahren Universitätstätigkeit, dass der "akademische Elfenbeinturm nicht sein Ding ist, ebenso wenig wie die Arbeit als Unternehmensberater" (so auf seiner Website www.georgeszpiro.com). Stattdessen wurde er Israel-Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung", und seine mathematischen Texte schreibt er abends, als Erholung von den meistens unerfreulichen Dingen, über die er tagsüber für seine Zeitung zu berichten hat.

Das heißt nicht, dass er die schwierigen Themen scheut. Szpiro schreibt über so ziemlich alles, was in den letzten Jahren in der Mathematik Schlagzeilen machte: die Poincaré'sche Vermutung (richtig, diejenige, für deren Beweis Perelman die Fields-Medaille nicht haben wollte), die Lösung des Apfelsinenpackproblems (der Kepler'schen Vermutung) durch Thomas Hales, Fragen, für deren Beantwortung das Clay Institute of Mathematics seine Millionenpreise ausgesetzt hat, und vieles mehr. Natürlich kann man eine derartige Jahrhundertarbeit nicht einmal annähernd auf ein paar formellosen Textseiten wiedergeben. Aber Szpiro gelingt es, eine wesentliche Idee dahinter zu vermitteln.

Für sein Werk hat die Deutsche Mathematiker- Vereinigung (DMV) Szpiro am 10. November 2006 den großen Medienpreis verliehen. In seiner Dankesrede gestand der Preisträger freimütig ein, dass er für seine mathematischen Texte gegen jedes der drei Gebote "die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit" verstoßen musste, und das weit mehr, als es im politischen Journalismus erlaubt ist. Aber ein bisschen Ungenauigkeit ist unvermeidlich, sachfremde Anekdoten erfreuen den Leser, und die ganze Wahrheit will er ohnehin nicht wissen.

In diesen Rahmen passen auch Geschichten, deren Hauptthema Personen sind, wie die streitsüchtige Familie Bernoulli, die esoterischen Neigungen des Isaac Newton, der sich zu einer – durch Zeitablauf widerlegten - Prognose für das Datum des Weltuntergangs hinreißen ließ, oder ein Mathematiker, der zwar viele Arbeiten zur Kombinatorik veröffentlicht hat, aber gar nicht existiert. Hinter dem Namen Shalosh B. Ekhad von der Rutgers-Universität in New Brunswick (New Jersey) verbirgt sich ein Computerprogramm zum Finden mathematischer Beweise.

Neben den charmanten Plaudereien Szpiros wirken die Artikel von Ehrhard Behrends zunächst eher hausbacken. Aber der Eindruck verfliegt, sowie man sich auf die Absichten des Autors einlässt. Behrends will nicht in erster Linie über Mathematik schreiben, sondern gemeinsam mit dem Leser Mathematik treiben - in dem Zeitrahmen von fünf Minuten.

An fantasievoll gewählten Beispielen gewinnt man ein Gefühl für große Zahlen. Wenn irgendwo an der 140 Kilometer langen Autobahn von Berlin nach Cottbus ein zentimeterdicker Stab steht, und Sie werfen irgendwann während der Fahrt mit verbundenen Augen ein Centstück aus dem Fenster – wie groß ist Ihre Chance, den Stab zu treffen? So groß wie die Chance auf sechs Richtige im Lotto. Wenn aber mehrere Tage lang die ganze Autobahn Stoßstange an Stoßstange mit blinden Münzwerfern gefüllt ist, trifft bestimmt einer.

Die Bewältigung des Unendlichen zählt zu den faszinierendsten Errungenschaften der Mathematik. Behrends zeigt uns das wichtigste Werkzeug dafür, das Induktionsprinzip, und wendet es an einem einfachen Beispiel an. Das geht tatsächlich in fünf Minuten, wenn man sich ein bisschen beeilt.

Es ist dem Autor ein dringendes Anliegen zu zeigen, dass Mathematik nicht nur intellektuell faszinierend und für das Verständnis der Welt unentbehrlich, sondern auch schlicht nützlich ist. Da dürfen Artikel über Computertomografie, sichere Verschlüsselung, fuzzy logic und Finanzmathematik nicht fehlen.

Und ein richtiger Mathematiker will einen vollständigen Gedankengang von Anfang bis Ende präsentieren und nicht zwischendurch aus Platzmangel auf wolkige Andeutungen ausweichen. Deswegen hat Behrends bei der Zusammenstellung seiner Artikel zum Buch allerlei nachgetragen, was in der Kolumne keinen Platz hatte – wodurch der Gesamtumfang auf mehr als das Doppelte angewachsen ist. Ich kann ihn so gut verstehen.
  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 1/07

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