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Abwärts im Kaninchenbau

"Folgen Sie dem weißen Kaninchen!", rät Jim Baggott im Prolog zu "Matrix". Denn genau wie Lewis Carrolls Alice hinter dem Nager her ins Wunderland schlüpfte, sollen seine Leser den Sprung ins Ungewisse wagen. Herzköniginnen, Grinsekatzen und verrückte Hutmacher sucht man bei Baggott allerdings vergeblich – sein Wunderland ist bevölkert von Philosophen, Physikern und nicht minder verrückten Gedankenexperimenten. Und alle haben nur ein Ziel: dem Leser den Glauben auszutreiben, auf "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" gäbe es eine einfache Antwort.

Täglich gehen wir mit "Geld" um, wir diskutieren über den "Staat Deutschland" und irgendwann steht vielleicht einmal eine "Ehe" an. Doch wie real sind sie eigentlich, solche gesellschaftlichen Einrichtungen? Klar scheint: Gäbe es uns nicht, würden auch sie nicht existieren. Aber gilt das auch für natürliche Dinge? Sind Quanten, Raum und Zeit Bewohner einer von uns unabhängigen Wirklichkeit? Und könnten wir eine solche überhaupt erkennen, wenn es sie denn gäbe?

In drei handlichen Teilen (Gesellschaft – Philosophie – Physik) nimmt sich Baggott unsere Realität zur Brust, indem er sowohl historische als auch zeitgenössische Antworten auf eine der wichtigsten Fragen der abendländischen Geistesgeschichte präsentiert – fast schon in Lehrbuchmanier, aber durchweg hervorragend verständlich.

Gehirne im Tank

Sein unverkrampfter Stil macht dabei selbst aus arg komplizierter Physik und eigentlich schwerverdaulichen Philosophiethemen eine unterhaltsame Angelegenheit, ohne je den Eindruck der Schludrigkeit zu erwecken oder im Niveau nachzulassen. "Matrix" sei daher besonders Philosophiestudenten, die sich vor einem tieferen Einstieg in die Materie einen Überblick verschaffen wollen, wärmstens ans Herz gelegt.

So steckt der Leser mehr als 2000 Jahre Philosophiegeschichte locker weg und landet schließlich bei Zentralfiguren der modernen Philosophie des Geistes: "Können wir eigentlich mit Sicherheit feststellen, dass wir nicht als körperlose Wesen in einer Welt künstlicher Sinneswahrnehmungen leben?", fragt sich etwa Hilary Putnam.

Zur öffentlichen Bekanntheit hat es sein "Gehirn-im-Tank-Szenario" vor allem durch die Hollywood-Trilogie "Matrix" gebracht, die auch für den Buchtitel Pate stand – durchaus passend, denn Filme haben es Baggott angetan: Noch eine ganze Auswahl davon wird bei Bedarf eingespannt und gerne auch belustigt mit einer Einzelkritik versehen. Dem einen oder anderen Leser dürfte er mit dieser Art von Auflockerung allerdings zeitweise auf die Nerven fallen.

Handfeste Quantenphysik

Von verschränkten Photonen, der Unschärferelation bis hin zur String-Theorie kann der Leser schließlich im hervorragenden Physik-Teil die Grundlagen all dessen nachlesen, was die Naturwissenschaft zum Thema beiträgt, – und Dank Baggotts Talent zur Veranschaulichung auch verstehen. Wer sich als Freund handfester Wissenschaft bisher auf dem Boden einer gesicherten Realität wähnte und in den philosophischen Debatten der vorangehenden Teile hauptsächlich Spitzfindigkeiten erkannte, dürfte spätestens hier ebenfalls ins Grübeln kommen. Die Konsequenzen von Quanteneffekten und Relativität mögen für unser Bild der Wirklichkeit zwar weniger augenfällig sein, an Virulenz stehen sie den Argumenten von Platon & Co. hingegen in nichts nach.

Wo natur- und geisteswissenschaftliche Ansätze sich berühren, erfährt man bei Baggott allerdings bestenfalls in der Art eines gelegentlichen "Kant lässt grüßen!" – eine tiefere Auseinandersetzung, etwa mit der Wissenschaftstheorie, wäre interessant gewesen, hätte aber wohl auch den Rahmen des Buchs gesprengt.

Und schließlich finden sie sich dann doch noch, die Schnittstellen beider Disziplinen, wenn auch eher versteckt auf den letzten Seiten, wo Baggott zum ersten Mal die eigene Meinung durchscheinen lässt. Sein Standpunkt ist der des wissenschaftlichen Realismus: Die beste Erklärung für den Erfolg der Naturwissenschaften ist, dass diese tatsächlich die Wirklichkeit beschreiben. Welcher der optimistischen und pessimistischen Grundhaltungen der Leser dagegen zuneigt, bleibt natürlich Geschmackssache. Wie wäre es da mit Optimismus? – Die Wirklichkeit ist ein Kaninchen und wer es fangen will, muss ihm nur Salz auf den Puschel streuen.

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