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Max Planck: Ein Revolutionär wider Willen

Für die Physik habe er kein außergewöhnliches Talent, sagte Max Planck einmal über sich selbst. Und ein Freund von Abenteuern sei er auch nie gewesen. Neue Ideen griff er deshalb nur selten spontan auf – zumal ihm die Fähigkeit, auf geistige Anregungen schnell zu reagieren, nach eigenem Bekunden nicht beschieden war. Gründlichkeit lautete stattdessen seine wichtigste Tugend: Mit besonderer Hingabe und großer Beharrlichkeit vermochte es der Physiker, sich in ein Problem zu vertiefen und seine Gedanken allmählich reifen zu lassen. Auf diese Weise katapultierte er seine stagnierende Disziplin in die Moderne – völlig unbeabsichtigt und zu seinem eigenen Bedauern.

In der Biographie "Max Planck" porträtiert John L. Heilbron den großen deutschen Physiker und beschreibt detailliert, wie der Sohn eines Theologieprofessors zum Vater der Quantentheorie wurde. Es ist die ergänzte Neuauflage der ursprünglichen Fassung aus dem Jahr 1988. Mit erstaunlicher Präzision und außerordentlichem Kenntnisreichtum zeichnet der emeritierte Professor für Wissenschaftsgeschichte Plancks durch schwere Schicksalsschläge gezeichneten Lebensweg nach.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts trieb den Theoretiker eine geradezu exotisch anmutende Fragestellung um: Planck wollte erklären, warum manche Körper unter großer Hitze bestimmte Farben annehmen. Ihn interessierten die genauen Lichtmengen, die solche Körper bei verschiedenen Wellenlängen emittieren. Mit Hilfe der klassischen Physik konnte er das Problem schließlich erklären – mit Ausnahme eines vermeintlichen Details.

In Experimenten gaben die Körper bei großen Wellenlängen etwas mehr Strahlung ab, als Plancks Gleichungen erwarten ließen. Um diesen Widerspruch zu korrigieren, entschloss er sich nach langem Zögern zu einer wagemutigen Annahme. Statt in Form eines kontinuierlichen Teilchenflusses müsste die Energie einen Körper in Form einzelner Pakete verlassen: den Quanten. Dies berücksichtigte Planck in seinen Gleichungen, indem er sie um eine zusätzliche Konstante ergänzte, dem Planck’schen Wirkungsquantum.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Plank und der von ihm geleitete Lehrstuhl für Theoretische Physik an der Berliner Universität bereits einen exzellenten Ruf erarbeitet. Als der Physiker seinen revolutionären Lösungsansatz im Jahr 1900 vor Vertretern der Preußischen Akademie der Wissenschaften referierte, erkannte trotzdem keiner der Anwesenden – allesamt Meister ihres Fachs – die Brisanz seines Vorschlags.

Heilbrons Stärken liegen in den treffenden Charakterisierungen Plancks und seines Umfelds. Den Physiker beschreibt er als genügsam und bescheiden – Freunde und Kollegen schätzten vor allem seine außerordentliche Zuverlässigkeit. Intensiv reflektiert der Biograph Plancks Beziehungen zu anderen großen Persönlichkeiten seines Fachs: von Walter Nernst und Arnold Sommerfeld bis hin zu den Vertretern der nachfolgenden Generation um Albert Einstein.

Dem Leser gewährt Heilbron damit Zutritt zum Kreis der bedeutendsten Physiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es entfalten sich faszinierende Impressionen aus der deutschen Wissenschaft zu einer Zeit, in der sie die weltweit Führende war. Allerdings trübt die immense Detailfülle die Lesequalität an manchen Stellen – etwa bei der sehr ausführlich geratenen Darlegung von Personalrochaden an den deutschen Universitäten.

Die wissenschaftlichen Hintergründe sind zudem schwierig formuliert und dürften Leser ohne ausreichende physikalische Vorkenntnisse überfordern. Kenner des Fachs werden sich an dieser anspruchsvollen und tiefgründigen Darstellung dagegen gewiss erfreuen – etwa über den glänzend recherchierten Disput mit Ernst Mach über den Atomismus, den Planck mit Vehemenz verteidigte. Wie so oft bedient sich Heilbron auch hier einer Fülle von Briefen und anderen Originalquellen. Dieses vorbildliche Quellenstudium kommt der Authentizität der Biographie in erheblichem Maße zu Gute.

Während ihn die Existenz von Atomen nach anfänglichem Zögern begeisterte, betrachtete Planck seine eigene revolutionäre Idee eher als Kapitulation. Er erkannte, dass die vom ihm geliebte klassische Physik ihre Grenzen erreicht hatte. Sich komplett von ihr zu lösen, vermochte er dennoch nicht. Heilbron beschreibt Planck deshalb als Brückenbauer: Einerseits zwischen der klassischen und der modernen Physik. Andererseits zwischen seinem konservativ-preußischen Weltbild und der Moderne, die ihn in wichtigen Funktionen des deutschen Wissenschaftssystems alsbald herausforderte.

Zunächst gelang es ihm, den jungen Albert Einstein – dessen Talent er als einer der ersten erkannt hatte – zu überreden, nach Berlin überzusiedeln. Mit dem Entdecker der Relativitätstheorie verband ihn lange Zeit eine tiefe Freundschaft. Die deutsche Wissenschaft stand zu dieser Zeit in voller Blüte und strebte ihrem Zenit entgegen. Vor allem Planck war es zu verdanken, dass sie auch den Ersten Weltkrieg als führende Forschungsnation überstand.

Eindrucksvoll schildert Heilbron Plancks verzweifelte Mühen, die deutsche Forschung auch unbeschadet durch die Zeit des Nationalsozialismus zu manövrieren. Schon kurz nach der Machtübernahme entglitt ihm allerdings die Kontrolle. Der überzeugte Pazifist Einstein – der sich zu dieser Zeit in den USA aufhielt und beschlossen hatte, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren – wandte sich von seinem einstigen Förderer ab, weil er sich angesichts der einsetzenden Diffamierungskampagnen mehr Unterstützung von ihm erwartet hatte.

Planck verfolgte indes eine andere Strategie: Er fügte sich den neuen Herrschern, wenn es um geringfügige Fälle ging und erhob keinen öffentlichen Protest gegen großes Unrecht – alles in der Hoffnung, sich einen gewissen Einfluss zum Wohle der deutschen Wissenschaft zu bewahren. Tatsächlich lehnte Planck die Ideologie des Nationalsozialismus ab – durch sein vielfaches Stillhalten entwickelte er sich jedoch allmählich zu einer tragischen Figur.

Schon bald machte Planck die Erfahrung, dass seine Kompromissbereitschaft von den neuen Machthabern nicht belohnt werden würde. Tief erschütterte ihn vor allem das Schicksal des Chemikers Fritz Haber. Als Vater der Giftgaswaffen hatte der deutsche Patriot dem deutschen Volk im Ersten Weltkrieg geholfen – nun war er wegen seiner jüdischen Abstammung zum Volksfeind geworden.

Seinen Antrittsbesuch als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nach der Machtergreifung bei Adolf Hitler wollte Planck deshalb nutzen, um sich für seinen geschätzten Kollegen einzusetzen – vergeblich. Hitler ließ den weltweit hoch honorierten Planck abblitzen und verfiel stattdessen in Wutausbrüche gegen das Judentum. Ein von Planck verfasster Bericht dieses gespenstischen Gesprächs ist dem sehr ausführlichen Anhang beigefügt und liefert ein ebenso erschütterndes wie aufschlussreiches Zeugnis über den Charakter des Diktators.

Solange er in der politischen Verantwortung stand, versuchte Planck trotzdem, sich mit dem Regime zu arrangieren. Er traf schmerzliche Entscheidungen, die bis heute kontrovers diskutiert werden. In einem ausgewogenen Nachwort erörtert Heilbron Plancks Verhalten. Ergänzt wird das Buch durch eine wissenschaftliche Selbstbiographie des Physikers und zahlreiche Vorträge. Heilbron liefert damit ein umfassendes Zeugnis von unschätzbarem Wert über Leben und Werk eines der größten Physiker aller Zeiten und gibt zugleich Einblick in eine Zeit, in der sich Wissenschaft und Gesellschaft im Umbruch befanden.

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