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Harte kleinste Teilchen

Wie der Unteritel von "Mikrokosmos" verspricht, beschäftigt sich das Buch mit der "Welt der kleinsten Teilchen". Das ist ein lohnendes Thema. Die moderne Teilchenphysik hat in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl an faszinierenden und spektakulären Ergebnissen hervorgebracht. Der theoretische Physiker Harald Fritzsch hat mit seiner Forschung über die Quarks maßgeblich dazu beigetragen.

Wenn Fritzsch, der selbst jahrzehntelang Teilchenphysik betrieben hat und viele der anderen Forscher des Fachgebiets persönlich kennt, nun ein Buch über den Mikrokosmos schreibt, dann ist das vielversprechend. Bücher über die Quantenmechanik und die klassische Teilchenphysik gibt es mittlerweile schon viele. Aber an eine allgemein verständliche Darstellung komplexer Themen wie Quantenchromodynamik oder der elektroschwachen Wechselwirkung trauen sich die wenigsten Autoren. Fritzsch hat es versucht, und auch der Klappentext verspricht: "Was die moderne Teilchenphysik ist, wo das Standardmodell an seine Grenzen stößt und die letzten Fragen offen bleiben – das alles erklärt der Ausnahmephysiker Harald Fritzsch in leichter Sprache und mit feinem Witz."

Das Fritzsch ein Ausnahmephysiker ist, steht außer Frage. "Leicht" ist die Sprache von "Mikrokosmos" allerdings definitiv nicht, denn schon in der Einleitung tauchen Begriffe wie die "SU(3)-Symmetrie" ohne viel weitere Erläuterungen auf. So etwas kann man notfalls noch anderswo nachschlagen. Aber spätestens wenn auf Seite 37 des Buches mit Spinmatrizen und Pauli-Matrizen gerechnet wird und der Leser ohne Erklärung mit der Bra-Ket-Notation und Epsilon-Tensoren konfrontiert wird, werden viele Leute ohne entsprechende mathematisch-physikalische Ausbildung wohl das Interesse verlieren. Auch für den Rest des Buchs setzt Fritzsch mehr als die übliche Schulmathematik voraus. Mit der Dirac-Gleichung und ihrer vierdimensionalen Ableitung wird man ohne ein paar Vorlesungen an der Universität wenig anfangen können. Trotz der Aufmachung ist das Buch also nicht für die breite Öffentlichkeit geeignet. Physik- oder Mathematikstudenten, die daran interessiert sind, die Grundlagen der modernen Teilchenphysik zu verstehen, werden dem Text aber wahrscheinlich ohne Probleme folgen können.

Für seine Erklärung hat Fritzsch ein spezielles Format gewählt. Er lässt Albert Einstein, Isaac Newton, Murray Gell-Mann und den fiktiven Physiker Adrian Haller – das Alter Ego des Autors – miteinander plaudern. Das ist manchmal sehr interessant, wirkt aber auch manchmal etwas seltsam und verwirrend. Wenn zum Beispiel Isaac Newton wie selbstverständlich im Gästehaus des CalTech eincheckt, mit dem Rest der Gruppe im Auto über den Highway fährt oder locker mit Gell-Mann über Quarks und Quantenchromodynamik plaudert, dann wirkt das oft unwahrscheinlich. Seltsam wirken auch die Szenen, in der Fritzsch den Murray Gell-Mann seines Buchs über Harald Fritzsch sprechen lässt. Reale und fiktive Wissenschaftler über Wissenschaft diskutieren zu lassen, ist eine gute Idee. Aber es hätte dem Text gut getan, wenn die Persönlichkeiten der einzelnen Wissenschaftler deutlicher hervortreten würden.

"Mikrokosmos" bietet eine Einführung in die komplexeren Bereiche der modernen Teilchenphysik. Wer sich auf die seltsame Ausgangssituation einlässt, der wird an dem Gespräch von Einstein, Newton, Gell-Mann und Haller durchaus Spaß haben. Für Laien ohne weiterführende Kenntnisse in Physik und Mathematik ist das Buch allerdings nicht geeignet.

26. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26. KW 2012

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