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Vom Schnappschuss zum Profibild

Um eines gleich vorwegzunehmen: "Mit der Kamera sehen" von Robert Hirsch ist weder ein leicht lesbares noch ein spektakulär aufgemachtes Buch. Die rund 400 Seiten im kartonierten Format sind dünn und vollbedruckt, die Beschreibungen oft etwas weitschweifig-philosophisch. Dennoch handelt es sich um ein sinnvolles Buch für alle, die tiefer in die Materie der konzeptionellen Digitalfotografie eindringen möchten, geht es doch um Grundlagen und Anleitungen für gute Digitalfotografie. Im Vordergrund stehen die ästhetischen Aspekte, Bildkomposition, Design beziehungsweise kreatives Gestalten und Licht als strategisch entscheidende Elemente für ein gutes Bild. Die Kamera ist das Handwerkszeug, um Ideen visuell festzuhalten und anschließend mittels moderner Computertechnik nachzubearbeiten. Vier technische Grundelemente spielen dabei die Hauptrolle: Blende, Brennweite, Schärfe und Verschlusszeit.

Ziel von Hirsch – langjähriger Autor, Fotograf und Dozent an der State University of New York – ist es, dem ambitionierten Hobbyfotografen, Studenten oder angehenden Profifotografen, der im Besitz einer digitalen Spiegelreflexkamera ist, die zeitlosen Gesetze der Ästhetik und die technischen Grundlagen der Digitalfotografie zu vermitteln. Es handelt sich um keine trockene Lehrbuchabhandlung, sondern theoretische Prinzipien sind unmittelbar mit der Praxis verknüpft, indem die Texte mit rund 150  Fotos internationaler Fotografen und Fotokünstler (mit ausführlichen Bildunterschriften) illustriert werden. Sie sollen Denkanstöße geben und zum Studium anregen. Nachbereitung, Präsentation und Archivierung kommen ebenfalls nicht zu kurz, und farblich abgehobene "Übungen" leiten dazu an, den Blick zu schulen und das eigene Werk kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ein weiteres Spezifikum des Buches sind grau unterlegte "Infoboxen", dazu gibt es zahlreich Schemata und Tabellen.

Am Anfang steht eine historischen Abhandlung von der Daguerreotypie bis Photoshop, von Naturalistic Photography, Piktorialisten über Stieglitz und Strand, Jacob Riis, Gruppe f/64 mit Ansel Adams und Imogen Cunningham bis hin zu Cindy Sherman und der digitalen Revolution. Es folgen die Prinzipien der Gestaltung – Einheit und Vielfalt, Betonung, Proportionen, Ausgleich, Rhythmus und visuelle Elemente wie Linien, Formen, Raum, Textur oder Muster und Symbolismus – und es gibt eine erste sinnvolle "Übung" zum "Goldenen Schnitt" bei der Bildkomposition.

Mit den grundlegenden Strategien zum Erzeugen von Bildern befasst sich das dritte Kapitel. Überaus informativ geht es um technisches Knowhow, um die Funktionsweise der Bilderfassung, Kameratypen, Bildsensoren, Farbwiedergabe, Pixel und Dateiformate. Auch mit Blenden, Verschlusszeiten, Schärfentiefe, Brennweite, Objektivtypen und korrekter Belichtung beschäftigt sich der Autor ausführlich. Erläuterungen zu optischem und digitalem Zoom, ISO-Empfindlichkeiten, Weißabgleich , Farbmodi, Rauschminderung, Bildstabilisierung, Blitzlicht, Akkus und Batterien, Speicherkarten liefern weiteres hilfreiches Background-Wissen.

Dann wird es spezieller: Hirsch spricht technische Details wie Belichtung und Filterung an. Welche Messmethoden gibt es bei Kameras, wie wird der Monitor verwendet, wie erfolgen Belichtungsmessung und -korrektur, was ist Tonwertausgleich und wie setzt man das Licht richtig ein? Der Beschaffenheit des Lichtes ist in der Folge ein ganzes Kapitel gewidmet, ehe es erneut um Farb- und Bildästhetik und -komposition geht, um "visuelles" und "haptisches" Fotografieren. Ausführungen zu Bildbearbeitungs-Software, technischer Nachbearbeitung, Ausgabeverfahren und Archivierung schließen sich an, ehe es wieder zurück zum Sehen und zum Umgang mit der Kamera, um Bildinhalte und Blickwinkel, Perspektiven und Kontraste geht. In den beiden letzten Abschnitten beschäftigt sich der Autor mit der Realisierung fotografischer Projekte, mit der Auftragsfotografie, mit der Sicherheit des Fotografen und der Ausrüstung.

Es wird manchmal etwas hin- und zurückgesprungen bei den Themen, beispielsweise was bestimmte technische Details angeht. Gelegentlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem Autor nachträglich noch dieser oder jener wichtige Aspekt in den Sinn gekommen ist und noch in ein Kapitel eingebaut werden musste. Der rote Faden ist nicht immer ganz klar erkennbar, doch dafür gibt es Informationen geballt, auf hohem Niveau, gut illustriert und dazu nicht allzu teuer.
19. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19. Woche 2009

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