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Hürden und Bürden von Patchwork

Patchwork – das klingt nach beschwerlicher Arbeit, deren Ergebnis trotz aller Anstrengungen letztendlich immer unvollkommen bleiben wird. Schließlich ist Patchwork lediglich Flickwerk, das aus Stoffresten zusammengefügt worden ist. Dass man eine Familie so nennt, verheißt nichts Gutes.

Dabei kommt die Patchwork-Familie in der heutigen Zeit oft vor. Schließlich gehen immer mehr Lebensgemeinschaften auseinander und neue Beziehungen beginnen. Immer häufiger heißt es: meine, deine, seine, ihre und unsere Kinder, und alle wohnen zusammen und kommen irgendwie miteinander zurecht. Ist es wirklich so schwierig, eine Patchwork-Beziehung einzugehen?

Dies kann tatsächlich der Fall sein, meinen Inga Bethke-Brenken und Günter Brenken. Die beiden sind Autoren des Werks "Mut zur Patchwork-Familie. So gelingt das neue Miteinander". Sie berichten aus eigener Erfahrung – schließlich leben sie selbst in einer derartigen Konstellation. Die gemeinsame Familientherapieausbildung hat ihnen geholfen, Höhen und Tiefen zu überwinden und letztendlich ein glückliches Familienleben zu führen. Ihre Erfahrungen wollen sie an Mütter und Väter weitergeben, die Hilfe suchen, wenn sie nach der Scheidung neue Beziehungen beginnen. Detailliert und anschaulich beschreiben die Autoren die Stationen auf dem Weg zur glücklichen Patchwork-Familie.

Das Leben darin stellen sich viele zu Anfang einfacher vor, als es tatsächlich ist. "Wer sich nach einer Trennung auf einen neuen Partner einlässt, traut sich was", steht im Buch geschrieben. Immer wieder machen die Autoren deutlich, wie schwierig es sein kann, das Vergangene hinter sich zu lassen. "Rucksäcke" nennen Bethke-Brenken und Brenken die Erfahrungen aus früheren Beziehungen. Oftmals hängen mit der Trennung Verletzungen zusammen. Die Trennung könne aber auch eine Befreiung von Demütigung sein. Auch die Kinder der Patchwork-Familie leiden unter ihren "Rucksäcken": Für sie sei eine Welt zusammengebrochen, in der sie Schritt für Schritt gelernt haben, sich zu bewegen.

Die vielen Verletzungen bedürfen der Therapie: Gesprächsführung kann ebenso erlernt werden wie konkretes Handeln. Viele Fallbeispiele zeigen praxis- und alltagsnah, welche Lösungen möglich sind. Im letzten Kapitel geht es um das Konzept der Resilienz. Ein "seelisches Immunsystem" hilft, eine Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Und zum Schluss wird noch geraten, sich der Herausforderung "Patchwork" zu stellen, ehe Literatur-, Internetseitenverzeichnisse und ein Sachregister das Buch abschließen.

Immer wieder fragt man sich beim Lesen des Buchs, ob wirklich alle Patchwork-Familien so viele Schwierigkeiten zu überwinden haben, bis ihnen ein glückliches Miteinander gelingt. Gibt es nicht in der heutigen Zeit eine faszinierende Vielfalt an Formen des Zusammenlebens, die jedem die Möglichkeit bietet, sein individuelles Glück zu finden? Die beiden Autoren zeigen wenig Flexibilität. Eisern halten sie am traditionellen Familienbild fest: Nach einer Scheidung verlässt der leibliche Vater Frau und Kinder, um eine neue Beziehung einzugehen, und der Stiefvater nimmt die Rolle des leiblichen Vaters ein. Dies entspricht aber nicht der Diversität der heutigen Beziehungen. Schließlich gibt es Väter, die weiterhin in engem Kontakt zu ihrer ersten Frau und ihren Kindern bleiben. Die Verantwortlichkeiten können hierbei sehr unterschiedlich verteilt sein. Es gibt Väter, die zu Hause bleiben und ihre kleinen Kinder aus verschiedenen Beziehungen versorgen, während die Mütter berufstätig sind. Und viele sind mit dieser Form des Zusammenlebens höchst zufrieden.

Dieser Ratgeber kann somit nicht für jeden eine Unterstützung sein. Mancher Leser wird erkennen, dass das Buch nur dann hilfreich ist, wenn er sich an wenig flexible Regeln hält. Ob dies immer die beste Lösung ist, sei dahingestellt.

4. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 4. KW 2012

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  • Quellen
Sektrum.de

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