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Der Tag, als man Erich Fromm konditionierte

Erich Fromm, der bekannte Psychoanalytiker und Autor des Sachbuch-Klassikers "Haben oder Sein", war ein entschiedener Gegner des Behaviorismus. Von Burrhus Frederic Skinner, einem Verfechter dieser Verhaltenstheorie, der berühmt wurde durch seine Rattenexperimente zur operanten Konditionierung, stammt folgende Anekdote: Auf einer Konferenz in Washington hielt Fromm eine flammende Rede gegen den Behaviorismus, wobei er immer wieder mit der rechten Faust auf den Tisch schlug. Skinner schob daraufhin seinem Nachbarn einen Zettel zu, auf dem stand: "Ich werde Erich jetzt operant konditionieren."

Sodann widmete Skinner dem Referenten seine ganze Aufmerksamkeit und lächelte insbesondere dann, wenn Fromm auf den Tisch hämmerte. Ohne es zu merken, reagierte der erhitzte Redner auf den Konditionierungsversuch und setzte seine rechte Faust immer häufiger ein. Skinners Nachbar schrieb beeindruckt zurück: "Können Sie das auch wieder rückgängig machen?"

Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und Autor zahlreicher Bücher, notierte als Herausgeber der Zeitschrift "Nervenheilkunde" diese und andere Geschichten in einer kleinen Rubrik am Ende jedes Hefts. Eine Auswahl davon ist nun als Taschenbuch erschienen. Spitzer spannt einen Bogen von den Themen Neuroplastizität und Kindesentwicklung über Emotionen und Gesellschaft bis zu Aspekten der Evolution. Unterwegs stellt er wichtige Untersuchungsmethoden vor und belegt eindrucksvoll, dass die moderne Hirnforschung – in Verbindung mit der Psychologie – in den vergangenen Jahren zu einem tieferen Verständnis vieler Lebensbereiche des Menschen beigetragen hat.

So konnte gezeigt werden, dass Leseschwäche bei Kindern nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun hat, sondern ein neurobiologisch charakterisierbares Defizit darstellt. Nicht alle "Geschichten vom Gehirn" haben den anekdotenhaften Charakter der eingangs erwähnten Episode über Fromm und Skinner. Wie in Fachartikeln üblich, erzählen Wissenschaftler von ihrer Forschung auch oft so, dass sie eine Frage stellen und diese durch ein Experiment beantworten.

Der Autor stellt in seinem Buch eine Mischung aus solchen Beiträgen, Alltagsbeispielen und Vermutungen zusammen, die allesamt spannend zu lesen sind. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse trennt er deutlich von Spekulationen ab. Dabei ist das ausführliche Literaturverzeichnis eine große Hilfe und lädt dazu ein, sich in einzelne Themen zu vertiefen. Einziger Wermutstropfen: Spitzer rutscht zuweilen in die biologische Fachsprache ab, ohne die verwendeten Begriffe genau zu erklären. Hier wäre ein ausführliches Glossar hilfreich gewesen.

Fazit: Wer wissen möchte, warum Chilis scharf sind, was Ketschup mit allgemeiner Ästhetik zu tun hat und warum Farbenblindheit einen evolutionären Vorteil darstellen kann, der greife zu diesem Buch. Es gibt Antworten auf wichtige Fragen – und auf solche, die man sich nie zu stellen wagte.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 3/2006

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