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Ist moderne Medizin Voodoo?

Warum schafft der Arzt im weißen Kittel Vertrauen oder sterben Menschen an einem Tumor, der noch viel zu klein ist, um tödlich zu sein? Placebo heißt die gute Seite der Suggestion, Nocebo die schlechte. Der Placebo-Effekt ist uns seit Langem vertraut: Ein Medikament wirkt, obwohl es keinen Wirkstoff hat. Allein die Erwartung des Besseren bessert tatsächlich.

Es gibt jedoch auch die noch wenig beachtete andere Seite der Medaille, genannt Nocebo (lateinisch "ich werde schaden"). Wer die Nebenwirkungen auf Beipackzetteln liest, dem geht es anschließend gleich viel schlechter. Die moderne Diagnostik bringt jede noch so kleine Auffälligkeit ans Licht und kann krank machende Ängste auslösen. Magnus Heier, Facharzt für Neurologie, stellt in seinem Werk "Nocebo: Wer's glaubt wird krank. Wie man trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern gesund bleibt" fest, dass mehr Aufklärung Heilung auch behindern kann.

Das Buch ist auch für Laien verständlich geschrieben und klar strukturiert. Nicht nur die in den Text eingebetteten Cartoons tragen zur Unterhaltung bei, sondern auch die zahlreichen höchst interessanten Fallbeispiele und Studien, mit denen Heier seine Auffassung untermauert. Derek Adams beispielsweise nahm an einer Untersuchung teil, die ein neues Antidepressivum testete. Als ihn seine Freundin verließ, wollte Adams Selbstmord begehen und schluckte gleich 29 Pillen. Daraufhin ging es Adams so schlecht, dass er in die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgenommen werden musste und drohte zu sterben – bis er erfuhr, dass er lediglich Placebo-Kapseln geschluckt hatte.

Der moderne Nocebo-Effekt gleicht dem altbekannten Voodoo-Zauber. Noch immer sterben in Afrika und Südamerika Menschen, weil sie angeblich von einem schwarzen Magier verhext und zum Tode verurteilt wurden. Schuld an ihrem Tod ist eine unerträgliche Angst, die das Herz-Kreislauf-System oder das Immunsystem zusammenbrechen lässt. Gleicht in der modernen Medizin der Arzt im weißen Kittel dem schwarze Magier, weil er den Patienten über eine schwere Krankheit aufklärt und Ängste hervorruft, die zum Tod führen können?

Dem Nocebo-Effekt werde zu wenig Beachtung geschenkt, erklärt Heier. In der internationalen Suchmaschine medizinisch wissenschaftlicher Veröffentlichungen (Pubmed) gab es Anfang September 2011 lediglich 149 Veröffentlichungen zum Thema Nocebo. Dabei gibt es den Nocebo-Effekt überall – auch im Alltag: Laktoseintoleranz ohne Laktose, Erdnussallergie ohne Erdnüsse, Kopfschmerzen durch nicht angeschaltete Telefonmasten. Sehr häufig äußert sich das Problem in Form von Schmerzen. Sieht ein Patient das Bild seiner lädierten Wirbelsäule, ist die Gefahr groß, dass seine Rückenschmerzen chronisch werden. Dabei kann eine scheinbar zerstörte Wirbelsäule symptomfrei sein; ein radiologisch "gesunder Rücken" dagegen massive Schmerzen verursachen.

Auf vielfältige Weise können Menschen sich heutzutage informieren – schließlich leben wir im Zeitalter der Information. Sogar Googlen kann krank machen, wenn man zu viel über die eigene Krankheit herausfindet. Immer mehr Gentests können das Risiko einer Krankheit vorhersagen. Die Deutschen seien Weltmeister der Kernspintomografie, und bereits jetzt würden Menschen von ihren Arbeitgebern zu Check-ups geschickt, um das Risiko für Krankheiten herauszufinden, so Heier.

Zu viele Untersuchungen und Behandlungen können schaden, stellt Heier fest. Überflüssige Untersuchungen lassen sich durch intensive Gespräche ersetzen. Doch spätestens hier kommen Zweifel an Heiers Aussagen auf. Wer entscheidet, welche Diagnostik überflüssig ist? Ist Heiers Sichtweise nicht einseitig? Ist das Problem der medizinischen Überversorgung wirklich so groß? In Deutschland herrscht schließlich teilweise sogar Ärztemangel. Vor allem auf dem Land finden Ärzte keine Nachfolger für ihre Praxen. Tatsache ist, dass viele Patienten medizinisch unterversorgt sind, und oftmals werden schwere Notfälle wie Schlaganfall oder Herzinfarkt zu spät diagnostiziert und therapiert – mit fatalen Folgen: Die Patienten sterben oder bleiben ihr ganzes weiteres Leben lang schwerstbehindert. Betroffen sind vor allem die gesetzlich Versicherten, denen aktuelle Studien lange Wartezeiten bei bestimmten Ärztegruppen belegen. Manche gesetzlich Versicherte meiden auf Grund hoher Zuzahlungen sogar gänzlich den Besuch beim Arzt. Auf diese Weise kann eine im Anfangsstadium leicht therapierbare Erkrankung einen tödlichen Verlauf annehmen.

Fazit: Heier beschreibt anschaulich einen Effekt, der tatsächlich das seelische Wohlbefinden eines Patienten verschlechtern und somit den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen kann. Doch aus Heiers Buch darf man auch nicht die gegenteilige Schlussfolgerung ziehen, weniger Aufklärungsarbeit zu leisten und den Patienten zum unmündigen Bürger herabzustufen oder gar die medizinische Versorgung in Deutschland noch weiter herunterzufahren. Denn das kann erst recht lebensgefährlich sein.

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