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Organikum optimum

Organikum, das ist in Chemikerkreisen ein Begriff wie "Kaiser Franz" unter Fußballfans oder "SL 300 mit Flügeltüren" in den Kreisen der Liebhaber alter Automobile. Bis zur "Solvolyse" der DDR war das Organikum ein Produkt des VEB – Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin. Anders als der berühmte Trabant, dessen Karosserie sicher von Chemikern zusammengekocht wurde, die mit dem Organikum gelernt hatten, überlebte es Sturm und Wellenschlag und erfreut sich wie eh und je bester Gesund- und Beliebtheit. Unter den Exportprodukten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik war das Organikum praktisch von Anfang an ein Schlager, der auch in der BRD das Referenzwerk seines Metiers war und den Standard für alle anderen Praktikumsbücher der organischen Chemie setzte.

An dieser Vormachtstellung hat sich seither nichts geändert, und auch die 22. Auflage verteidigt die "Pole Position" so sicher wie ein gewisser rheinländischer Autorennfahrer seinen alljährlichen Weltmeistertitel. Was das Organikum vor den meisten anderen Praktikumsbüchern auszeichnet, ist die Tatsache, dass es immer mehr war als ein reines "Kochbuch" mit aneinander gereihten Rezepten. Jede Gruppe von Versuchsvorschriften zu einem Reaktionstyp oder einer Familie von funktionell verwandten Verbindungen wird von einer ausführlichen und tief schürfenden Einführung in den theoretischen Hintergrund wie auch in generelle Aspekte der praktischen Handhabung dieser Art von Reaktion oder dieser Verbindungsklasse begleitet. Die eigentlichen Versuchsvorschriften sind wie gewohnt farblich abgesetzt.

Die Verzahnung der in den einschlägigen Lehrbüchern diskutierten Theorie mit dem tatsächlichen, im Wortsinne handgreiflichen Umgang mit den Substanzen und der Beherrschung ihrer Reaktionsmöglichkeiten ist im Organikum deutlich enger als in der Mehrzahl der Konkurrenzwerke (Hat das Organikum noch lebende Konkurrenten?). Der Übergang vom Hörsaal ins Labor gelingt mit Hilfe des Buchs daher beinahe bruchlos. Zahlreiche Tabellen liefern nützliche Referenzwerte, die bei der Charakterisierung der Reaktionsprodukte helfen. Ebenso zahlreiche Reaktionsschemata erklären – nach Vorlesung und Seminar noch einmal – den zu Grunde liegenden Mechanismus der durchgeführten Umsetzung.

Relevante Literaturstellen aus der Primärliteratur sind gleich an Ort und Stelle in den Text eingebaut, ein mehr als ausführliches Register macht die Navigation fast so leicht wie mit GPS. Reagenzien- und Gefahrstoffanhang sowie eine Wandkarte mit typischen Parametern für die spektroskopische Analyse sind alte Bekannte, die sich hoher Wertschätzung unter den Benutzern erfreuen. In kaum einem anderen Fall ist es den Autoren eines Praktikumsbuches gelungen, einen derartig hohen didaktischen Standard zu erreichen – was eigentlich kurios ist, denn das Autorenkollektiv des Organikums zeigt ja, wie es gemacht wird!

Im Regal von Chemiestudenten okkupiert das Organikum einen obligaten Platz, aber auch in keiner Schulbibliothek sollte es fehlen. Ernsthafte Konkurrenten, die diesem Platzhirsch unter den "Kochbüchern" der Organik seine Stellung streitig machen könnten, sind weit und breit nicht zu erkennen. Und bis vielleicht eines Tages ein dreister Kandidat aus dem Morgennebel auf die Lichtung tritt, um den "Alten" herauszufordern, werden wohl noch einige Auflagen ins Land gehen. Auch nach 22 Auflagen hat das Werk nichts von seiner Frische verloren: Wie ein guter Wein ist es im Alter eher besser geworden – obwohl es immer schon sehr gut war!

Das Organikum ist und bleibt die ideale Ergänzung zum Lehrbuch. Lehrbücher der organischen Chemie gibt es viele, das Organikum jedoch ist einmalig: für jeden, der organische Chemie nicht nur theoretisch studieren, sondern sie auch praktizieren will (oder muss ... oder darf!), ohne die Spur eines Zweifel eine lohnende Investition. Ein Chemiestudent ohne Organikum – das ist wie ein Cowboy ohne Pferd.

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