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Vom Heranreifen eines Lehrbuches

Es ist schon einige Zeit her, dass aus dem "Mohr/Schopfer" der "Schopfer/Brennicke" wurde und der Verlag diesen Wechsel mit einer optischen Auffrischung verband. Fasst man die nun in 6. Auflage erscheinende "Pflanzenphysiologie" in Anlehnung an die Bezeichnung der darin enthalten Teile als morphologisches, energetisches, metabolisches und nicht zuletzt wachstumsfähiges System auf, wird vieles hinsichtlich der neuesten Veränderungen klar.

Denn so wie Pflanzenzellen nie zur Ruhe kommen (ist gemäß Mohr/Schopfer/Brennicke der Tod nicht gleichzusetzen mit dem Erreichen des thermodynamischen Gleichgewichts?), verhält es sich mit der "Pflanzenphysiologie" selbst. Nach dem Wechsel im Autorenteam hat nun auch der Verlag gewechselt, und so erscheint das Lehrbuch nun im "Spektrum Akademischer Verlag" und erhält ein neues Aussehen: Wie eine Tomate "reifte" der Einband vom knackigen Grün zu einem leuchtenden Rot – wer das noch nie gesehen hat, muss nur einen Blick auf das Farbcover werfen.

Warum der Verlagswechsel notwendig war, soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt, sondern auf den äußerst lesenswerten Beitrag der Serie "Ansichten eines Profs" im Heft 11/2005 des Laborjournals verwiesen werden, in dem Lehrbuch-Mitautor Axel Brennicke in bewährter Manier Dampf ablässt – und der dieses Mal den Wissenschaftsverlagen ins Gesicht geblasen wird.

Dass es sich bei der "Pflanzenphysiologie" um ein nach wie vor topaktuelles Lehrbuch handelt, mit dessen Hilfe man sich mit dem Themengebiet auseinandersetzen kann, gilt auch für die Neuauflage. Hier wird kein Überblickwissen wahllos aneinander gereiht, sondern ausführlich erklärt und in den Kontext gerückt. Die traditionellen Stärken Lichteffekte, Pflanzenhormone und aktive Bewegungen von Zellen, Organen und Organellen werden weiterhin ausführlich behandelt. Gleichzeitig wird auch den genetischen Forschungsansätzen mehr Platz eingeräumt. Das entspricht dem Trend in der aktuellen Forschung, wo vielfach von molekularer Pflanzenphysiologie die Rede ist und vor allem mit der Modellpflanze Arabidopsis thaliana geforscht wird. Deren Nutzen für bestimmte Fragestellungen wird im Buch ausführlich beschrieben und immer wieder durch Beispiele belegt.

Somit eignet sich die Neuauflage nicht nur, um Wissen systematisch zu erarbeiten, sondern auch, um einzelne Details nachzuschlagen. Dabei ist es besonders hilfreich, dass die Legenden der Abbildungen so ausführlich sind, dass in ihnen die wesentliche Information bereits enthalten ist; längeres Hin- und Herblättern fällt somit weg. In ähnlicher Weise tragen die vielen, in lockerer Folge eingefügten Exkurs-Boxen dazu bei, wichtige Methoden oder Fragestellungen kennen zu lernen.

Während das Äußere – um zur Tomaten-Analogie zurückzukommen – knackig und optisch ansprechend daher kommt, ist im Innern eher Antisense-Technologie am Werk gewesen, indem sämtliche Farbe komplett ausgeschaltet wurde. Konnten frühere Auflagen noch durch Zweifarbigkeit bestimmte Details in Stoffwechselwegen oder Grafiken didaktisch geschickt hervorheben, erscheint nun alles Grau in Grau. Dies ist bedauerlich, auch weil es der "Spektrum Akademischer Verlag" bei der nahezu zeitgleich erscheinenden Überarbeitung des "Lehrbuches der Tierphysiologie" genau andersherum gemacht hat: Mit dem behutsamen Einsatz der Farbe Rot wurde aus einer altbackenen Altauflage eine moderne Fassung geschaffen, deren Preis allerdings weit über dem der "Pflanzenphysiologie" liegt.

Da die Autoren in der Regel nur wenig Einfluss auf die Herstellung eines Lehrbuches haben – die ja auch den Ladenpreis berücksichtigen muss – bleibt nur, den Autoren für ihr Engagement in Sachen Neuauflage zu danken und die nebenstehende Bewertung nicht auf ihrem Rücken auszutragen. Den Verlag gilt es jedoch zu ermahnen, nicht den Kredit eines erstklassigen Lehrbuches zu verspielen – Zitat aus der Eigenwerbung: "Der Klassiker in modernem Outfit!". Um noch einmal mit der Tomate zu sprechen: Wie war das mit der "Anti-Matschtomate", die äußerlich makellos daher kam und dann doch nicht gekauft wurde, weil sie in ihrem Innern letztlich nicht halten konnte, was sie versprach?

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