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Phänomen Honigbiene

Von jeher ist der Mensch von den fleißigen Bienen und ihrer Lebensweise fasziniert. Wenig verwunderlich also, dass die Europäische Honigbiene heute zu den bestuntersuchten Tierarten überhaupt gehört. Mit allen Mitteln rücken ihr die Wissenschaftler zu Leibe: Sie markieren sie mit Mikrochips, beobachten sie mit Kameras, belauschen sie mit Mikrofonen und Vibrationsmessgeräten und entschlüsseln ihr Genom, um hinter ihre Geheimnisse zu kommen. Das Wissen über die kleinen, emsigen Insekten wächst von Tag zu Tag – und wirft dennoch immer wieder neue Fragen auf.

Jürgen Tautz, Professor an der Universität Würzburg und Vorsitzender der BEEgroup (eines Vereins, der sich der Erforschung der Honigbiene verschrieben hat), hat mit viel Begeisterung eine Zusammenfassung des derzeitigen Wissensstands geschrieben. Das Werk wirkt niemals trocken oder dozierend, nicht zuletzt auch dank der herrlichen Bilder der Fotografin Helga Heilmann, die geradezu intime Einblicke in das Leben der Honigbienen gewähren. Fachleute werden in diesem Buch wohl kaum etwas Neues finden. Doch alle Naturfreunde, die schon immer wissen wollten, "wie es die Bienen tun", kommen voll auf ihre Kosten.

In zehn klar strukturierten Kapiteln beschreibt Tautz das Leben der einzelnen Tiere und des gesamten Bienenstaats: wie aus den Eiern die Larven und schließlich die Bienen schlüpfen, welche Aufgaben jedes Tier im Lauf seines Lebens zu erlernen und zu bewältigen hat, welche ungeheuren Leistungen einzelne Individuen und ein gesamter Bienenstaat vollbringen – dies und vieles mehr wird hier erklärt. Der Autor geizt nicht mit beeindruckenden Zahlen und Hochrechnungen. So kann eine Sammelbiene an einem guten Tag Dutzende von Kilometern fliegen und weit über tausend Blüten besuchen; ein Bienenvolk produziert im Jahr mehrere hundert Kilogramm Honig und sammelt an die dreißig Kilogramm Pollen; die Arbeitsbienen eines Volks erzeugen nach Bezug einer neuen Wohnhöhle in einer Saison genug Wachs für den Bau von 100 000 neuen Wabenzellen.

Überhaupt lassen die Bienen so manch anderes Tier (den Menschen eingeschlossen) schnell blass aussehen, betrachtet man die zahlreichen Fähigkeiten, die eine Biene im Lauf ihres kurzen Lebens entwickelt. Das Geheimnis der Honigbienen und ihrer Leistungen beruht auf ihrer – im Tierreich ansonsten nur sehr selten anzutreffenden – Lebensweise als große Gruppe von Tausenden von Individuen. Tautz und andere Wissenschaftler bezeichnen den Bienenstaat gerne als "Superorganismus", der sich von einigen seiner Eigenschaften her durchaus mit einem Säugetierorganismus vergleichen lässt: Wie die Zellen eines Körpers betreiben die Individuen des Bienenstaats Arbeitsteilung; wie ein Säugetierorganismus kann auch ein Bienenvolk innerhalb seines Stocks (die Waben versteht Tautz als Bestandteil des Volks, da sie reine Bienenprodukte sind) die Temperatur entsprechend den Außenwerten regulieren; und so wie im Säugetierkörper nur einige bestimmte Zellen der Fortpflanzung dienen, so sind bei den Bienen nur ganz wenige Individuen für diese Aufgabe zuständig, nämlich die Königinnen und die Drohnen.

Tautz treibt diesen Vergleich noch ein bisschen weiter und bringt die Bienen und ihre Lebensweise immer wieder mit der modernen menschlichen Technik in Verbindung. So produzieren Ammenbienen "Designerfood" für die Brut, und die Waben dienen dank ihrer Fähigkeit zur Vibrationsübertragung als "Telefonfestnetz" des Volks oder gar als "comb-wide web". Solche Vermenschlichungen sind nicht wirklich sinnvoll, doch Unterhaltungswert haben sie allemal. Schließlich ist die "Schwarmintelligenz", die durch komplexe Wechselwirkungen zwischen den einzelnen, begrenzten Individuen viel mehr leistet als die Summe ihrer Teile, ein fantastisches Vorbild für die künstliche Intelligenz der Roboter und Computer. Für die bionische Forschung (vom Autor auch scherzhaft "BEEonik" genannt) bieten die Honigbienen also ein unglaublich weites und bisher nur in Ansätzen erforschtes Feld.

Niemand wird sich nach der Lektüre dieses herrlichen Buchs dem Charme der emsigen Nektarsammler entziehen können. Lesen, staunen – und dabei genussvoll ein Honigbrot verzehren!

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 09/2007

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