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Biophilosophie mit System

Lange Zeit stand fast nur die Physik im Mittelpunkt des Interesses von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern. Das hat sich geändert. Inzwischen gibt es Bücher zur Philosophie der Chemie, zur Philosophie der Neurowissenschaften und eben auch, wie das vorliegende, zu den philosophischen Grundlagen der Biologie. Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk des Biologen Martin Mahner und des Wissenschaftsphilosophen Mario Bunge. Es kann unter drei Gesichtspunkten gelesen werden: als Einführung in die philosophischen Fragestellungen der Biologie, als Überblick über die wichtigsten begrifflichen Debatten in der gegenwärtigen Biologie oder als Anwendung der philosophischen Position von Mario Bunge auf die Biologie. Die ersten beiden Punkte machen das Buch, das zuerst 1997 auf Englisch erschien, für den deutschen Markt wertvoll; denn eine Darstellung der philosophischen Aspekte der Biologie auf neuestem Stand und von vergleichbarem Umfang fehlte bisher im deutschen Sprachraum. Für die Autoren jedoch steht der dritte Punkt im Vordergrund: Das Buch soll laut Vorwort eine in sich geschlossene Biophilosophie im Rahmen von Bunges genereller naturphilosophischer Position sein — "Biophilosophie mit System" also, wie es der Gießener Wissenschaftsphilosoph Gerhard Vollmer in seinem Geleitwort ausdrückt.In dem Buch finden wir die generellen Prinzipien von Bunges Philosophie wieder, insbesondere seinen Versuch, mit einer Theorie von Systemen (Systemismus) einen Mittelweg zu steuern zwischen einem Reduktionismus, der ausschließlich die Physik anerkennt, und einem Holismus, der die wissenschaftliche Analyse komplexer Systeme aufgibt. Dieses Buch setzt Akzente in der Philosophie der Biologie, für die plausibel argumentiert wird: die Kritik an einem inflationären und damit gehaltlosen Informationsbegriff in der Genetik (Kapitel 8.2.3), die Wiedereinsetzung des Organismus als zentraler Einheit der natürlichen Selektion (im Unterschied zu einzelnen Genen und ganzen Populationen) und die Auffassung, dass Arten nicht evolvieren und dass sie Klassen sind — im Unterschied zu Individuen (Kapitel 9). Zwei Themen, die zum Bereich der Biophilosophie gehören, werden in dem Buch nicht behandelt: die Soziobiologie und die Bioethik.Der Ausarbeitung der Biophilosophie ist ein genereller philosophischer Teil vorgeschaltet, der rund ein Drittel des Buches beansprucht. Dieser Teil ist eine Kurzfassung von Mario Bunges philosophischer Position. Wie bei einer Kurzfassung nicht anders möglich, fehlen weitgehend die Argumente für die Thesen, die vertreten werden. Der Nutzen dieses Teils für das Gesamtprojekt ist zweifelhaft: Was von Bunges genereller philosophischer Position für die Biophilosophie benötigt wird, könnte jeweils dort dargestellt werden, oder es wird komprimiert in einem Einführungskapitel zusammengefasst. Eine leicht zugängliche Darstellung von Bunges Position auf rund 130 Seiten mag ihren Sinn haben, aber nicht unbedingt als Vorspann eines Buches zu philosophischen Fragen der Biologie.

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