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Des Lebens ganze Fülle

Was muss das für ein Anblick gewesen sein, als Eugene Cernan und Harrison Schmitt als bislang letzte Menschen einen Blick vom Mond auf die Erde warfen: Mitten im endlosen Dunkel des Weltraums sahen sie noch einmal die gesamte Kugel unseres Heimatplaneten – ein blau-weiß-rotgelbgrüner Ball, der einzige Ort in Millionen Kilometer Umkreis, der Leben beherbergen konnte.

Mit diesem Einstieg beginnt Alastair Fothergills Buch "Planet Erde", die Begleitlektüre zur gleichnamigen BBC-Serie, deren Teile 1 bis 5 jüngst erst im deutschen Fernsehen liefen (6 bis 12 folgen später). Buch wie Film zeigen den Planeten, wie er aussehen würde, gäbe es den Menschen und seine vielfach zerstörerischen Einflüsse nicht: Hier ziehen noch die großen Huftierherden durch Prärie, Steppe und Savanne, jagen Tiger ungestört durch Sibiriens Wälder und balzen Paradiesvögel selbstvergessen in den Regenwäldern Neuguineas. Homo sapiens kommt meist nur am Rande vor – etwa als bewundernswerter Höhlenforscher und Tiefseetaucher oder in versteckten Andeutungen auch als hemmungsloser Plünderer natürlicher Ressourcen.

Das gesamte Werk ist stets dokumentiert durch fantastische Film- und Bildaufnahmen, für die viele Teams mehrere Jahre durch die verschiedenen großen Ökosysteme der Erde reisten. Die Strapazen, die sie auf sich nehmen mussten, klingen dabei nur manchmal durch, dann jedoch einprägsam. Respekt zollen muss man beispielsweise jenen Mitarbeitern, die sich durch lange, kaum mannsgroße Höhlengänge in die Tiefe zwangen, um einmalige Bilder grüner Stalaktiten oder riesiger, an überdimensionale Schneekristalle gemahnender Gipskrusten in den Kasten zu bekommen. Eine weitere Mannschaft harrte über ein Jahr in der Antarktis aus, um das Leben dort zu beobachten, eine dritte Gruppe kämpfte sich durch Wüste Gobi, um die letzten Baktrischen Kamele zu filmen.

Besser noch als auf den Fotos wirken die Aufnahmen natürlich in den Filmen, die es dankenswerterweise nun auch auf DVD gibt. Mit modernster Technik gelangen den Kameraleuten einmalige Szenen von Schneeleoparden im Karakorum, Elefanten in der Namib oder tauchender Makaken in asiatischen Mangroven. Die eingesetzten Methoden erlaubten das Drehen der Tiere vielfach ohne sie zu stören, sodass keine oder allenfalls kaum Verfälschungen ihres Verhaltens auftreten. In 45 Minuten kann man jedoch leider nicht allzusehr in die Tiefe gehen, sodass es eher einem Rausch der Bilder gleichkommt, der die Vielfalt der Erde und ihrer Bewohner nur anreißt.

Die Serie ist – wie das Buch – in zwölf Kapitel unterteilt, von denen sich elf den großen Lebensraumkomplexen widmen und ein weiteres die Erde und ihre Entwicklung vom Glutball zum heutigen Hort des Lebens als Ganzes vorstellt. Jedes der Ökosysteme (beispielsweise die Polregionen, die Wälder der gemäßigten Breiten und der Tropen, die Wüsten und Grasländer, Höhlen, Gebirge und Ozeane) wird dabei im Buch mit kurz beschrieben – etwa die klimatischen Bedingungen, geografische Besonderheiten, Charakteristika von Flora und Fauna.

Darin eingestreut finden sich immer wieder nette Anekdoten, die das Buch reizvoll machen. So beschreibt der Autor, wie schwarz man sich die Schwärze in einer Höhle vorzustellen habe, dass steckengebliebene Höhlenforscher mitunter nur mit Hilfe eines vorsätzlich gebrochenen Schlüsselbeins befreit werden können oder Wildkamele in der Gobi Schnee fressen müssen, um genügend Flüssigkeit aufzunehmen. Und auch die vielfältigen Rekorde und wundersamen Anpassungen aus und in der Natur bleiben nicht unerwähnt.

Bisweilen vermisst der Leser wahrscheinlich umfassendere Erläuterungen – etwa beim Thema Gletscher und Klimawandel oder wie der Wind mit dem Sand die Wüste modelliert. Ärgerlich sind auch einige fachliche, Flüchtigkeits- und womögliche Übersetzungsfehler und unsaubere Formulierungen. Kaum jemand spricht heute noch von Raub- statt von Greifvögeln, von Leoparden existieren allenfalls dreißig Unterarten keine eigenen Spezies, dafür bilden die Kreuzschnäbel separate Arten, keine Rassen. Die Ästuar-Mündung des Amazonas wird zuerst falsch als Delta beschrieben und zwei Absätze später der Begriff des Ästuars richtig definiert. Für die Solomon Islands gibt es den schönen deutschen Begriff der Salomonen, Upwellings sind einfach kaltes Auftriebswasser und der Wald- ist wahrscheinlich der Bengal-, Sumatra- oder Indochinesische Tiger. Fehler und Ungenauigkeiten dieser Art ziehen sich durch das ganze Buch und trüben etwas den Lesespaß.

Das Buch lässt sich dennoch als Ergänzung und Vertiefung zu den Sendungen begreifen, es kann aber auch nur einzelne Facetten der ökologischen Vielfalt unseres Planeten, seiner Bewohner und deren Verhalten bieten. Buch und DVD zum "Planet Erde" dürften gerade für Kinder und Jugendliche hervorragend geeignet sein, Interesse an den Tieren und Pflanzen unseres Planeten zu wecken, zeigen sie doch des Lebens ganze Fülle in exzellenten Aufnahmen. Vielleicht wecken sie auch den Forschergeist der jungen Generation, denn trotz aller Einflussnahme der Menschheit gibt es noch genügend weiße Flecken zu erkunden. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die Alastair Fothergill vermittelt.

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