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Lernen mit Genuss

"Prometheus" nennt der Thieme-Verlag den neuesten Anatomie-Atlas, dessen erster Band die "Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem" behandelt. Dieser Name ist tatsächlich Programm. Die Autoren möchten mit ihrem Atlas völlig neue Wege gehen – so wie der Göttersohn, der die Menschen nach seinen Vorstellungen geschaffen hat und ihnen später mit dem Feuer die "Erleuchtung" bringt. In diesem Fall sind es wohl eher Medizinstudenten und Ärzte, denen ganz neue Einsichten in den menschlichen Körper ermöglicht werden sollen.

Schon der Name "LernAtlas" weist darauf hin, dass die Zielsetzung eine andere ist als bei herkömmlichen Anatomie-Atlanten. "Prometheus" ist der Versuch, die bisher in der Anatomie streng getrennten Lehrmaterialien "Atlas" und "Lehrbuch" zu vereinigen und das ganze didaktisch möglichst nah an den Anforderungen des Präparierkurses zu orientieren. Dabei gelingt es den Autoren Michael Schünke, Erik Schulte und Udo Schumacher sich von der mit Fachbegriffen gepflasterten, unkommentierten Darstellung älterer Atlanten zu lösen. Stattdessen rücken sie wichtige Sachverhalte mit klinischen Bezügen verknüpft in den Vordergrund, ohne dabei Lücken zu lassen oder oberflächlich zu werden. So ist es einfacher, beim Lernen und Nachschlagen anatomischer Sachverhalte Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und somit auch die unendlich scheinende Menge an anatomischem Wissen zu erfassen. Gleichzeitig kommt diese Herangehensweise den Vorgaben der neuen Approbationsordnung für Ärzte entgegen, die schon im Grundstudium einen stärkeren Bezug zum klinischen Studium fordert.

Das revolutionärste Element des "Prometheus" ist die Bilderstellung. Während vor hundert Jahren am Sobotta 15 Grafiker über zwanzig Jahre lang zeichneten, gelang es den Grafikern Markus Voll und Karl Wesker dank digitaler Zeichenmethoden innerhalb von wenigen Jahren einen komplett neuen Atlas zu entwerfen. Wenn digitales Zeichenbrett und moderne Bildverarbeitungsprogramme eingesetzt werden, erspart dies viel Zeit und bringt neue Möglichkeiten der Darstellung mit sich – ganz davon abgesehen, dass Farbkleckse nicht die Arbeit von Wochen zerstören können.

Natürlich stellt sich trotzdem die Frage, ob es sich wirklich lohnt, noch einmal jahrelang an einem Atlas zeichnen zu lassen, obwohl es mit Atlanten wie dem "Sobotta", der "Bibel der Anatomie", schon seit Jahrzehnten bewährte und gut gezeichnete Werke gibt und zum Beispiel mit dem "Voxel-Man" nun auch eine dreidimensionale Betrachtung der menschlichen Anatomie möglich ist. Wie dem auch sei: Die Bilder des "Prometheus" sind genau an das didaktische Konzept angepasst und glänzen mit einer Genauigkeit und Brillanz, die dazu anregen, auch einfach aus Spaß in diesem Buch zu blättern, wie in einem Kunstband.

Das Konzept des Thieme-Verlags ist aufgegangen. Der "Prometheus" stellt alles in den Schatten, was an Anatomie-Atlanten bisher auf dem Markt war und schöpft dabei das Potenzial des Mediums Buch im Vergleich zu digitalen Informationsquellen voll aus. Die exakten und funktionell gut verständlichen Zeichnungen, gepaart mit den nötigen Zusatzinformationen im Text, die für maximale Verständlichkeit und Übersichtlichkeit sorgen, spiegeln eine didaktische Leistung wider, die sonst in medizinischen Lehrbüchern, gerade beim Thieme-Verlag, oft Mangelware ist. Meiner Meinung nach kann der "Prometheus" das ausformulierte Lehrbuch nicht hundertprozentig ersetzten – dafür macht das sonst allzu stupide Anatomie-Lernen mit diesem Buch wieder Spaß.

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