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Fischlein, blicke über deinen Teich hinaus!

Seit einigen Jahren wird der Stringtheorie von vielen Autoren die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Dieter Lüst setzt dieser Kritik dreierlei entgegen: eine Unmenge an Fakten, die Geschichte vieler kleiner und großer Erfolge sowie pure Begeisterung für die Schönheit und Effektivität eines mathematischen Meisterwerks.

Der international bekannte Stringtheoretiker Lüst liebt sein Metier – das merkt man dem Buch an. Und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, über die oft plakativen und banalen Überblicke anderer Sachbücher hinaus in die Tiefe zu gehen.

Nach einer Einführung in das Standardmodell der Elementarteilchen und einem kurzen Exkurs in Einsteins allgemeine Relativitätstheorie geht es zur Sache: Lüst quantisiert den Raum, bis es schäumt, bettet mehrdimensionale Branen in noch höherdimensionale Räume ein und blickt durch Tunnel in andere Universen. Am Ende lässt er es sich nicht nehmen, heterotische Stringtheorien, Venezianos Weltformel, Gruppentheorie und Eichsymmetrien, M-Theorie und neueste Entwicklungen wie Dimensionskompaktifizierung und Modulistabilisierung zu umreißen; worum es dabei geht, steht – nahezu formelfrei – im Buch.

Aber keine Panik: Lüst präsentiert diese Themenvielfalt in mundgerechten Häppchen. Jeder neue Gedanke erhält eine Zwischenüberschrift, so dass der Leser stets weiß, wo er sich befindet, und Luft holen kann – überaus nötig, denn zweifellos ist der Stoff anspruchsvoll.

Seine besondere Färbung erhält das Buch über das bereits im Buchtitel angekündigte Märchen von den Quantenfischen, mit dem Lüst komplizierte Zusammenhänge zu veranschaulichen sucht. Inspiriert ist die Geschichte von den mehr als 10100 Lösungen der Gleichungen der Stringtheorie, die jede als eigenes Universum interpretiert werden – eine schier unfassliche Vielfalt, von der wir Menschen im Alltag nichts bemerken.

So geht es auch den Quantenfischen: Zunächst fixiert auf den eigenen Teich, der sehr genau die Eigeschaften aufweist, die ihre eigene Existenz möglich machen, beginnen sie zunehmend, über ihren Teich hinauszudenken. Im Lauf ihrer Nachforschungen erreichen sie die eine hinreichend umfassende Perspektive, aus der sie erkennen, dass vor ihnen ein Land voller Teiche liegt: ein Multiversum von Fischteichen. Von dieser Warte aus wundert es sie nicht länger, dass die Bedingungen im eigenen Teich gerade so passend für Leben waren – wären sie es nicht gewesen, so hätten sich die Quantenfische in einem anderen Teich wiedergefunden. Dieses Argument, das "anthropische Prinzip", diskutiert Lüst ebenso wie viele weitere Randthemen aus Philosophie und Gesellschaft.

Es gelingt dem Autor in außergewöhnlicher Weise, inhaltliche Tiefe mit anschaulichen Bildern zu verbinden. Der Mut, mit dem er als Physiker auch schwierige philosophische Themen aufgreift, verdient Respekt – auch wenn ich nicht in jedem Punkt zustimme. So halte ich die Existenz der Dunklen Energie nicht für zweifelsfrei nachgewiesen.

Leider ist das sehr ausführliche Einleitungskapitel nicht in gleicher Weise in Abschnitte unterteilt wie das restliche Buch. Dadurch wirkt es etwas schwerfällig oder gar abschreckend, vor allem weil es bereits die übergreifenden Gedanken enthält, die erst nach der Lektüre des Hauptteils zu verstehen sind. Lassen Sie lieber gleich das Märchen von den Quantenfische auf sich wirken, mit allen Fragen, die es zunächst aufwirft. Die freudigen Augenblicke der Erkenntnis kommen dann im weiteren Verlauf des Buchs. Zuletzt können Sie das Eingangskapitel und das Märchen mit anderen Augen noch einmal lesen – und in einem kleinen Märchen ein großes Theoriegebäude, die Geschichte seiner Entdeckung und die damit verbundene Hoffnung wiederfinden.

Für Leser, die mehr wissen wollen als nur oberflächliche Schlagwörter, die Geduld und Biss mitbringen und am Ende mit einem sehr weit reichenden populären Überblick über die Stringtheorie belohnt werden wollen: lesenswert!

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 1/2012

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