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Künstler ohne Mission.

An welchem Wochentag haben Sie im Jahr 2023 Geburtstag? Eine seltsame Frage? Für Sie vielleicht. Aber manch ein "Savant" – ein "Gelehrter", wie das französische Wort zu übersetzen wäre – liebt solche Aufgaben und gäbe Ihnen die Antwort in Sekundenschnelle. Dies ist umso erstaunlicher, als Savants bei Intelligenztests gemeinhin eher schlecht abschneiden.

Doch derartige Widersprüche kennzeichnen diese autistischen Menschen geradezu. Einerseits glänzen sie durch auffallende Einzelbegabungen. So beherrschen manche von ihnen Kopfrechnen besser als jeder Mathematiker und andere spielen Klavierstücke nach nur einmaligem Hören fehlerfrei nach. Andererseits erfüllen Savants alle Kriterien des Autismus: Sie sind unzugänglich, ihr Interessenspektrum ist außerordentlich schmal und Veränderungen mögen sie ganz und gar nicht. Selbst einfache Alltagstätigkeiten wie etwa ein Einkauf überfordern sie.

Was steckt dahinter? Mehr als zwanzig Jahre ist die deutsch-britische Psychologin Beate Hermelin dieser Frage nachgegangen – in etlichen Experimenten und Interviews mit Savants, anderen Autisten und "normalen" Menschen. Nun legt sie ihre teils kuriosen Einblicke in Buchform vor.

So unterschiedlich das künstlerische, sprachliche oder mathematische Talent bei einzelnen Savants auch ausgeprägt sein mag – Hermelins Analysen fördern doch ein kognitives Grundmuster zu Tage. Demnach betrachten diese außergewöhnlichen Autisten ihre Umgebung wie durch ein Mikroskop. Während wir uns ein Bild von der Welt machen, indem wir diese zunächst als Ganzes erfassen und uns erst danach Einzelheiten zuwenden, blicken die Savants sofort auf ausgesuchte Details; erst später, manchmal nie, verbinden sie die losen Ausschnitte. Ein Savant fragt nicht danach, wie die Dinge zusammenhängen und ob sie einen "Sinn" ergeben. Daher kennt er vielleicht durch akribische Lektüre von Wörterbüchern eine schier endlose Menge an Vokabeln auswendig. Einen grammatikalisch einwandfreien Satz zu bilden, gelingt ihm deswegen noch lange nicht.

Wenn sie auch sonst nur wenig Einfühlungsvermögen besitzen und zudem kaum etwas von sich selbst preisgeben, in ihren Begabungen wachsen die autistischen Genies über sich hinaus. Gedichte von ihnen sind bei weitem keine ausdruckslosen Schreibübungen; ihre Bilder faszinieren selbst professionelle Kunstkritiker. Daher möchte Hermelin auch nicht von einem Defekt oder Defizit bei den "Gelehrten" sprechen, sondern schlicht von einer anderen Art der Wahrnehmung. Was sie von "echten" Genies unterscheide, sei die fehlende Selbstkritik: Sie überdenken ihre Kunst nicht, verfeinern sie nicht. Es zählt nur das schlichte Tun, nicht das Ergebnis.

Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht menschlicher Eigenschaften sind durchaus Gegenstand medizinischer Forschung; doch das ist nicht Thema des Buches. Hermelin belässt es dabei, auf genetische Faktoren hinzuweisen und Funktionsstörungen des Gehirns zu erwähnen. Eine Heilung ist derzeit noch nicht möglich. Überhaupt erscheint der wertende Begriff "Heilung" nach der Lektüre unangemessen. Denn die Autorin weckt sehr erfolgreich Sympathien für Autisten. In einfühlsamem Ton lehrt sie den Leser diese ungewöhnlichen Menschen als einzigartige Individuen zu respektieren.

Dass "Rätselhafte Begabungen" zu einem sehr persönlichen Bericht geraten ist, schmälert die Qualität des Buches keineswegs; die Stringenz der Gedankenführung leidet nicht darunter. Indem die Autorin eine Lanze für ihre Schützlinge bricht, baut sie eine Brücke in eine uns unzugängliche Welt.

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  • Quellen
Gehirn&Geist 3/03

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